Immo Grief

In der Krise wandert das Kapital am liebsten in Baustoffe. Dort ist es sicher gebunden, dort ist noch was zu holen: Straßen, Häuser, Dachgeschoßwohnungen – alles muss neu gebaut werden. Um zu bauen, wird erst einmal zerstört, was da ist. Und vertrieben, wer da wohnt und werkt.

Das Recht auf Wohnen ist nicht nur das Recht auf ein Dach über dem Kopf. Es ist das Recht, an einem sicheren Ort zu sein, sich zurückzuziehen, sich zu stärken für den nächsten Kampf, gemeinsam und angstfrei am Küchentisch zu sitzen. Wenn der eigene Wohn- oder Arbeitsort, der Ort, um Freund:innen zu treffen, in Gesellschaft zu sein, verloren geht, die bauliche und soziale Umgebung sich radikal verändert, kann tiefe Trauer entstehen. Wie können wir der Trauer um das abgerissene Haus, die geräumte Hütte, den vertriebenen Wohnwagen, die durch Zwangsdelogierung verlorene Wohnung Ausdruck verleihen? Wie verabschieden wir eine Siedlung? Wie und wo erinnern wir uns an ein Stadtviertel? Mit welchen Ritualen trauern wir um ein Bauwerk, das einem Neubau weichen musste?

Mit »Immo Grief. Für eine kollektive Kultur des Trauerns um ein Zuhause« erarbeiten wir ein Konzept der Trauer um verlorene Immobilien – zwangsgeräumte Wohnungen, abgerissene Stadtteile, überflutete Dörfer, zugebaute Brachen, zerstörte Protestbauten.

Ein Projekt von Lisa Bolyos und Tomash Schoiswohl. Ausstellung / Trauermarsch / Leichenschmaus. September 2022, Kulturzentrum 4lthangrund/Alte Mensa, Wien. Die Werkstattpublikation »Immo Grief. Für eine kollektive Kultur des Trauerns um ein Zuhause« ist im November 2022 eschienen.

Web: https://immogrief.net/

Immo Grief, Trauermarsch. Foto: Michael Bigus
Immo Grief, Trauermarsch. Foto: Michael Bigus
Immo Grief, Trauermarsch. Foto: Michael Bigus
Immo Grief, Trauermarsch. Foto: Michael Bigus
Immo Grief, Vernissage. Foto: Michael Bigus

Immo Grief, Kinderworkshop. Foto: Lisa Bolyos
Immo Grief, Kinderworkshop. Foto: Lisa Bolyos

«Auf Amerika fahren, das wär gut, und da kann man viel Geld verdienen»

Erschienen in: Augustin Nr. 526, März/April 2021

Chicago, sagt man, sei die größte burgenländische Stadt der Welt. Als das Burgenland noch sehr arm und Amerika noch sehr vielversprechend war, zog es von Güssing bis Kittsee Zehntausende über den Atlantik. Eine Suche nach ihren Spuren.

Wo die B 56 von Güssing in den Osten nach Strem abzweigt, steht in die Kurve gelehnt das Auswanderer-Museum. Ende der 1930er-Jahre lebte jede fünfte im Bezirk Güssing geborene Person in den USA. Im Auswanderer-Museum hat die Winzerin Gerti Unger einen Vermerk über ihren Vater gefunden, «Eingewandert ist ein Kind», ist in einem Dokument aus dem Jahr 1920 zu lesen. «Das war der Papa! Der ist 1919 in New York geboren, 1920 sind seine Eltern mit ihm zurückgekommen und alleine wieder rübergefahren.» Der Vater wuchs bei den Großeltern auf. «Es wird ihm nix gefehlt haben, es war halt so.» Eine typische Ein- und Auswanderungsgeschichte, die Elternteile und Kinder, Liebesbeziehungen, Freundschaften und Geschwister trennt, wieder verbindet, wieder trennt.
Als der Großvater starb, war der Vater um die dreißig. Da kam einer seiner Brüder zurück ins Südburgenland, um das Erbe anzutreten: «Na, Emmerich, was machen wir jetzt? Willst mich auszahlen oder nicht?», habe er gefragt. «Und der Papa hat gesagt, wie soll ich dich auszahlen, du bist ja nach Amerika gefahren, und ich hab am Hof die Arbeit gemacht.» Der Bruder ist geblieben, hat den Hof übernommen, und Gerti Ungers Vater zog mit der Mutter und den fünf Kindern ein paar Dörfer weiter zu den Schwiegereltern. Den Onkel nannten sie ein Leben lang «den Amerikaner».

Drinnen und draußen. «Das und das und das auch», Gerti Unger zeigt auf die Häuser, die «mit Dollar» gebaut wurden. «Von jedem Haus ist wer gegangen.» Wir fahren von Strem über Heiligenbrunn nach Reinersdorf. Oben am Hügel hinter der Kirche steht zwischen zwei Bänken das Amerikanerkreuz. Ein katholischer Gruß an die Herkunftsgemeinde, gewidmet und bezahlt von denen, die es über den Atlantik geschafft haben.
Dass oft weit mehr Menschen nach Amerika gegangen sind als «von jedem Haus einer», belegt die Geschichte der Familie Unger selbst. Ich bin angereist, um mir von Gerti Ungers Vater erzählen zu lassen, doch schon in den ersten Minuten erfahre ich, dass auch die Familie der Mutter und auch der Großvater von Herrn Unger in Amerika waren. Letzterer posiert am Cover dieser Ausgabe mit seinem Bruder im Fotostudio in Allentown, Pennsylvania. Seine Reise­kiste steht noch im Schuppen der Ungers.
Das Burgenland und Amerika, das ist eine lange gemeinsame Geschichte. Sichtbar wird sie in Straßennamen, «Sotbend» in Kroatisch Minihof/Mjenovo, das seinen Namen von Rückkehrer_innen aus South Bend, Indiana, verpasst bekam, oder «Chikago, 1.–7. Gasse», eine Siedlung in Kittsee; in Inschriften auf Gedenksteinen und Gräbern, am Reinersdorfer Friedhof etwa wird der 1955 sehr jung verstorbenen Rosalia Stoisits mit den Worten gedacht: «Wir konnten dich nicht sterben seh’n und nicht an deinem Grabe steh’n / Wir konnten dir die Hand nicht reichen und dich nicht einmal wiederseh’n»; sichtbar wird Amerika auch in der burgenländischen Literatur – Michaela Frühstücks Teta Jelka überfährt ein Hendl oder Theodora Bauers Chikago –, weil sich ohne Amerika keine burgenländische Familiengeschichte erzählen lässt; und natürlich in den Fotoalben derer, die wieder «draußen» wohnen. Draußen, das ist das Burgenland. Drinnen ist Amerika.

100 Jahre Migrations­geschichte. 100 Jahre Burgenland werden heuer zelebriert (einzig die Gemeinden Luising, Liebing und Rattersdorf, die bei der Grenzziehung vorerst in Ungarn landeten, müssen später nachfeiern), den Zuschlag für die Jubiläumsausstellung hat – man frage besser nicht nach, warum – die Burg Schlaining bekommen, im Landesmuseum in Eisenstadt widmet man sich in einer kleinen Sonderausstellung «unseren Amerikanern». Anhand von ein paar Dutzend Biografien wird hier Geschichte in Anekdoten erzählt. Eine Geschichte, die Mitte des 19. Jahrhunderts beginnt und Mitte der 1950er-Jahre zu Ende geht, die von Armutsmigration handelt, von prekären Wohn- und Arbeitsverhältnissen hüben wie drüben, von politischer Vertreibung und vom Traum vom Reichwerden.
Ihren quantitativen Höhepunkt erreichte die «burgenländische Amerikawanderung» im Jahr 1923 – über 6.600 Burgenländer_innen migrierten in diesem Jahr offiziell in die USA, aus Vorarlberg waren es gerade einmal 188 Personen. Insgesamt geht die (karge) Forschung bis ins Jahr 1923 von etwa 40.000 burgenländischen Neoamerikaner_innen aus. 1924 trat mit dem Immigration Act ein Gesetz in Kraft, das die Einwanderung massiv einschränkte. Grund für die Auswanderung war zu dieser Zeit vor allem die Armut der Kleinstbäuer_innen. Das burgenländische Erbrecht führt dazu, dass Höfe und Gründe geteilt werden, das gleiche Land musste immer mehr Familien ernähren. Die Reblaus tat ihr Übriges, Mitte des 19. Jahrhunderts legte sie fast den gesamten burgenländischen Weinbau lahm (und bescherte dem Südburgenland eine Institution: den Uhudler, den auch die Ungers keltern). Die neue Grenzziehung nach dem 1. Weltkrieg erschwerte die Wege zu etablierten Märkten in ungarischen Städten wie Sopron oder Szombathely. Währenddessen wurden in den USA Industriebetriebe etabliert, die nach Arbeitskräften lechzten – bekannt für ihre burgenlandkroatischen Arbeiter_innen ist etwa die Studebaker-Autofabrik in South Bend, andere fanden Arbeit in den Fleischereibetrieben von Chicago, auf Farmen, aber auch als Dienstbot_innen und Kinderfrauen in Privathaushalten.
Die wenige Forschung, die es zu diesen unzähligen hin- und hermigrierten Kilometern gibt (teils sollen die Menschen mit Ende der landwirtschaftlichen Saison nach Amerika aufgebrochen sein, um im Frühjahr wieder im Burgenland am Acker zu stehen), beruht auf der zum Standardwerk gekürten Amerika-Wanderung der Burgenländer (1. Ausgabe 1975) des Südburgenländers Walter Dujmovits. Auch seine Mutter war ein Kind, das in der Familienmigration «zurückgelassen» wurde. Dujmovits reiste in den 1950er-Jahren zu Recherchezwecken in die USA und war Mitbegründer der bis heute aktiven «Burgenländischen Gemeinschaft» in New York, die die Bande zwischen «drinnen» und «draußen» stärken sollte.

Im Straßenanzug in der Met. Einer der erzählen kann, wie es in Amerika war, auch wenn er nie vorhatte, sich dort niederzulassen, ist Stefan Kocsis. In seinem Wohnzimmer in Dolnja Pulja/Unterpullendorf steht neben einem Flügel eine Hradetzky-Orgel. Stefan Kocsis ist in den 1930er-Jahren in einem bäuerlichen Betrieb aufgewachsen, doch statt Landwirt zu werden, entschied er sich für die Musik. Erst Organist in der Unterpullendorfer Kirche, trieb ihn die Suche nach Lehrenden, die ihn herausfordern könnten, nach Wien. Konservatorium, Aufnahmeprüfung an die Hochschule für Musik, 1952 Diplomprüfung.
Stefan Kocsis sang im Wiener Akademie-Kammerchor. Über die Mitwirkung bei Tonaufnahmen wurde die Columbia Artists Management auf den Chor aufmerksam.
Andre Mertens, ihr New Yorker Chefmanager, kam nach Wien und ließ sich im Mozart-Saal des Konzerthauses das «komplette Programm von Palestrina bis zur Moderne» vorsingen. «Dann kam er zu uns, fantastisch, phänomenal, ich möchte Sie sofort engagieren.» Weil man die aufwendige Reise über den Ozean – das erste Mal an Bord der Queen Mary, später dann mit der britischen Fluggesellschaft BOAC aus London – nicht für zwei Wochen antreten konnte, dauerte so eine Tournee gleich drei oder vier Monate. «72 Konzerte haben wir gespielt», in New York, Chicago und Los Angeles das schwere Programm, in den Kleinstädten dazwischen etwas Zugänglicheres.
«Morgen wird Carmen sein, heute ist La Traviata», liest Kocsis aus seinem Reisetagebuch vor und übersetzt für mich aus dem Burgenlandkroatischen ins Deutsche – wir befinden uns in New York: «Publikum der Met ist nicht elegant, ni elegantan, im Parkett sitzen Leute im Straßenanzug!» Die Logen andererseits kosteten drei burgenländische Monatsgehälter. Aber der wichtige Teil der Geschichte ist der: «Mister Mertens hat uns in der Town Hall in New York ein Konzert organisiert, die Miete von 30.000 Dollar mussten wir selbst bezahlen, weil wir unbekannt waren in Amerika. Er sagte: ‹Wenn Ihr einen Komponisten uraufführt, ich weiß auch schon, welchen, und ein gewisser Kritiker der New York Times schreibt eine gute Kritik, dann seid ihr berühmt.› Das haben wir gemacht.» Er geht ins Haus, um ein Notenblatt zu holen: ein Kyrie Eleison von Virgil Thomson. «Schauen Sie sich die Noten an, das zu singen ist Irrsinn. Wir haben fünf Tour­neen gehabt wegen dieser Kritik. Das ist USA.»

Gräfliche Post nach Amerika. An den Burgenländer_innen in Amerika hatte Stefan Kocsis vorher kaum Interesse gehabt. «Eigentlich brachte mich der Graf Zichy in Nikitsch darauf.» Die russische Armee war noch im Burgenland, der Adelsbesitz großteils konfisziert. «Da sagte die Frau Gräfin, eine von Wimpfen, zu mir, sie hätte Verwandte in Chicago, ob ich wohl etwas mitnehmen könnte. Die Russen durften das nicht erfahren. Sie gab mir einen Brief und ein Paket, die sollte ich abgeben – und darauf achten, dass sie ja nicht in fremde Hände gerieten. Das war mein erster Kontakt mit unseren Auswanderern.» Das gräfliche Packerl kam gut in Amerika an, und dort lernte Stefan Kocsis ein Menge emigrierter Burgenländer_innen kennen, die er in seinem Reisetagebuch vermerkt hat: In den Bronx in New York habe er eine Stooberin besucht, in Chicago bei einem Unterpullendorfer gewohnt, ein Rich Reidinger aus Ritzing sei mit einer Zulieferfabrik für Massey Ferguson reich geworden, «so reich, dass er seinen Keller mit echten Dollarnoten tapeziert hat. Was es alles gibt, unwahrscheinlich!», und da war eine junge Frau Berlakovich, «die hat mir Manschettenknöpfe geschenkt, damit ich sie nicht vergesse». Deren Familie habe später, als sie wieder nach Österreich zog, den Cadillac mitgebracht: «Können Sie sich das vorstellen? Die fahren aus Chicago nach New York, schiffen den Cadillac ein und fahren im Burgenland damit herum. Und ich natürlich mit ihnen mit.»
Es waren die 50er-Jahre, in den USA herrschte Segregation. Der Rassismus gegen Schwarze war für Stefan Kocsis neu und bedrückend, und auch die weit verbreitete Einstellung zu Armut und Reichtum sei ihm zuwider gewesen: «Der nicht reich ist, ist selber schuld. Mich hat das entsetzt.» Nicht entsetzt, aber auch nicht betört habe ihn die amerikanische Landschaft. «Wenn Sie mich fragen, warum ich nicht dortbleiben wollte, erzähle ich Ihnen Folgendes: Ich war irgendwo im Mittleren Westen unterwegs, und treffe bei einem Spaziergang an einem düsteren Abend Doktor Wagner, den Vater von Wagner-Trenkwitz. Der Mittlere Westen ist eine endlose Prärie, öde! Und jede Kleinstadt schaut gleich aus. Ich frag den Wagner: Sag einmal, würdest du noch einmal in dieses Land kommen? Und er schaut sich um und sagt: Nein, das ist das letzte Mal.»

Zerstreut über die Kontinente. Zurück nach New York. 1852 wurde in der East 3rd Street 161–165 in Manhattan die Kirche des «Most Holy Redeemer», des Allerheiligsten Erlösers, eröffnet. Ein halbes Jahrhundert später heirateten hier Paul Weber und Juliana Gross, beide geboren in Deutsch Tschantschendorf, Westungarn. Mit ernstem Blick und fein herausgeputzt werden sie auf einer Studiofotografie verewigt, die Gerti Unger aus einer Mappe voller Erinnerungen holt. Darin findet sich auch der Trauschein, ausgestellt «am zwanzigsten Tage des Monates Januar Eintausendneunhundertundsieben» auf Deutsch; aufgrund der hohen Zahl deutschsprachiger Migrant_innen im Viertel waren mit Erlaubnis des amtierenden Erzbischofs zwei ebensolche Kirchengemeinden gegründet worden.
Paul war Ende des 19. Jahrhunderts nach Amerika gekommen. Er war noch nicht zwanzig, als sein Vater in der Landwirtschaft verunglückte, «und dann hat’s geheißen, er ist jetzt der Große, er muss halt schauen. Also was macht er? Auf Amerika fahren, das wär gut, und da kann man viel Geld verdienen.» Paul Weber ging erst auf die «kleine Burgenländer-Auswanderung» nach Wien, arbeitete dort «auf der Donau», beim Bau des Donaukanals. So verdiente er ein wenig Geld für die Reise, am Schiff arbeitete er im Maschinenraum, in den USA angekommen in einer Zementfabrik, als Tischler, schließlich auf einer Farm, «weil einer, der in der Landwirtschaft gearbeitet hat, hat alles können». Auf dieser Farm fand auch Juliana Gross eine Anstellung in der Küche. «Und wenn sie Strudeln und Nudeln gemacht hat, haben sie in die Küche geschrien: ‹Die Köchin soll bitte reinkommen›, sie möchten sich persönlich bedanken. Das hat die Oma immer erzählt.»
Ein Familienfoto, aufgenommen im New Yorker Studio von B. Bromberg, zeigt Juliana und Paul mit ihrer ersten Tochter Rosa. «Wie alle Großeltern wollten die das erste Enkelkind sehr gern sehen, also ist die Juliana mit dem Kind eingeschifft und ist ausseg’fahren», erzählt Gerti Unger. Aber Rosa, die schon vorher krank war, überlebte die Überfahrt nicht. Um die Seebestattung zu vermeiden, musste Juliana das Kind im Arm halten, bis das Schiff in Europa anlegte. In der Hafenstadt – in welcher, entzieht sich der Erinnerung – wurde Rosa bestattet. «Davon hat die Oma oft und sehr traurig erzählt.» Auch das ist Teil der Auswanderung: Verlust und Trauer, Zerstreutheit über die Kontinente.
Juliana und Paul lebten die kommenden Jahre zwischen dem Burgenland und Amerika, fuhren hin und her, vor allem Paul, der, so sagt seine Enkelin heute, «mit zwanzig zum ersten Mal weg- und mit fünfzig zum letzten Mal zurückgereist ist.» In der Zwischenzeit kamen weitere Kinder auf die Welt: Meri, die sich mit fünfzehn entscheiden würde, in den USA zu bleiben, und erst kürzlich im Alter von 105 Jahren in New York gestorben ist. Resi, die sich – auf Landarbeitsmigration in Gumpoldskirchen – in einen französischen Soldaten verliebte und statt in Deutsch Tschantschendorf in Paris alt wurde. Die Mutter von Gerti Unger selbst, und ein kleiner Bruder, der den Vater erst im Alter von fünf Jahren kennenlernte: «Da hat er seine Schwester gefragt: ‹Was tut denn der da immer, der tut nur anschaffen. Der soll wieder gehen.› Und sie hat gesagt: ‹Ja, mein lieber Bui, aber das ist dein Papa, der kann mit dir anschaffen.›»

Zerzauste Sehnsuchtslandschaft. Abends fahre ich zurück in den Norden, mit dem Auto – öffentlicher Verkehr und Burgenland, das ist ein anderes Kapitel. Über den Eisenberg und den Geschriebenstein geht es vom Land des Weins ins Land der Windräder. In Rechnitz wurde auch ein berühmter Amerikaner geboren: Jay Koch, der 1929 dreijährig mit seinen Eltern auswanderte, wurde in den Achtzigern quasi zum Präsidenten der USA – er gewann über eine Ausschreibung das Amt von Ronald Reagans Doppelgänger. Der südburgenländische Autor Clemens Berger hat ihm mit seiner Romanfigur Jay Immer (Der Präsident) ein Denkmal gesetzt.
Vor Lockenhaus (hier kam 1883 Ludwig Stössel zur Welt, der vor den Nazis fliehen musste und 1942 den deutschen Auswanderer Leuchtag in Casablanca spielen würde: «Liebchen, what watch?» «Ten watch.» «Such much?») lässt sich die untergehende Sonne noch einmal sehen, hinter Piringsdorf steht schon der Vollmond am Himmel. In der Piringsdorfer Sulzgasse veranlasste der Auswanderer Michael Stampf 1903 die Aufstellung eines Amerikanerkreuzes: «Geh nach Ödenburg und laß ein aus Stein gehautes Kreuz machen, ich glaube, für 80 oder 90 Gulden kann man schon ein schönes bekommen; nicht allzu groß, aber schön», wies er seine Tochter per Briefpost an. «Auf dem Kreuz muß ein Schiff aufgemalt werden mit 2 Rauchfang.»
Heuer hat der Frühling spät begonnen, die ersten Knospen springen gerade auf, die Felder sind noch braun. Sanfte Hügel, strubbelige Hecken, frisiert vom Wind aus der ungarischen Tiefebene. Selbst die viel zu groß dimensionierten Soja- und Zuckerrübenäcker nehmen sich im globalen Vergleich putzig aus. Doch, man kann schon verstehen, wieso dieser schiefe Landstrich vom Midwest aus betrachtet eine Sehnsuchtslandschaft ist.

Shopping for Future

Erschienen in: Augustin Nr. 519, Dezember2020/Jänner2021

Das Versprechen, sich die Welt grünzukaufen, ist die pure Verlockung. Aber zahlt sich die Suche nach dem richtigen Produkt in der falschen Warenwelt überhaupt aus?

Wenn man einer Sache anhängt und ihr Gegenteil tut, spricht die Psychologie vom Value-Action-Gap. Sie denken, dass der Konsum von ökologisch produziertem Gemüse aus der Region ein notwendiger Beitrag zum Klimaschutz ist, kaufen aber trotzdem Avocados? Damit sind Sie nicht allein. Motive gibt es zuhauf: Sie schmecken gut; sie waren gerade im Angebot; man kann eh nichts ändern; und außerdem ist es viel zu anstrengend, in einer falschen Warenwelt ständig das Richtige zu tun.

Seit die Marketingabteilungen der Großkonzerne entdeckt haben, dass der Value-Action-Gap die Menschen quält, verschaffen sie Abhilfe. Bei der AUA kann man neuerdings CO2-neutral fliegen. Knorr-Suppen sind, so will es die Packerlaufschrift, aus nachhaltigem Gemüse hergestellt. Burger King bewirbt seinen vegetarischen Burger als Greta-kompatibel. Und bei IKEA kann man mit dem Kauf eines simplen Vorhangs für wenig Geld zur Klimaaktivistin werden. «Heimliche Heldin» nennt der Konzern, der für die kurze Halbwertszeit seiner Möbel bekannt ist, die Kundin, die dieses Angebot annimmt.

Kann die Grünfärbung des herkömmlichen Kapitalismus funktionieren? Ist möglichst viel Konsum von ökologisch hergestellten oder biologisch abbaubaren Produkten ein sinnvoller Beitrag zum Klimaschutz? Spart man sich damit gar den mühseligen Freitagsaktivismus? Oder fällt man nur auf eine Marketingstrategie herein?

Bambuszahnbürsten fürs Klima. Wenn hier von Konsum die Rede ist, dann ist der Einkauf der durchschnittlichen Redakteurin, des durchschnittlichen Lesers gemeint: Nahrungsmittel, Kleidung, Kosmetik, ein bisschen Schnickschnack hier und da, vielleicht auch mal Treibstoff fürs Auto. Vom Aktien-, Immobilien- oder Erdölkonsum im großen Stil sprechen wir hier nicht, obwohl «green products» aus den Portfolios internationaler Konzerne nicht mehr wegzudenken sind. Die Konsumsoziologie unterscheidet zwischen Einkaufen – dem Besorgen von Notwendigkeiten – und Shopping – dem Besorgen von Luxusgütern als Freizeitunterhaltung –, aber diese Grenze scharf zu ziehen erscheint im grünen Sektor weder möglich noch sinnvoll. Wer bestimmt, ob die sechste Edelstahlbabytrinkflasche eingekauft oder geshoppt wurde? Ob der Bio-Alpacca-Pulli dazu da ist, die Körpertemperatur zu erhöhen oder die Beliebtheit auf Instagram? Die einzige Grenze, die sich hier unweigerlich bemerkbar macht, ist die des Einkommens. Wer zu wenig Geld hat, kauft weniger Produkte aus dem Nachhaltigkeitsregal ein, hat aber auch insgesamt einen geringeren Anteil an Ressourcenverbrauch und CO2-Emissionen. Denn auch für die Bambuszahnbürsten, Bioleinensackerl, Hanfsaunatücher und Fairphones der Welt gilt, was die Global-2000-Ressourcencampaignerin Lena Steger sagt: «Am klimafreundlichsten ist das, was gar nicht erst produziert werden muss.» Dabei muss man beim grünen Konsum mitbedenken, dass die Öko-, Holz- und Kokosnussschalenprodukte in den seltensten Fällen die Plastikprodukte ersetzen. In den meisten Fällen komplementieren sie das Sortiment. So wie etwa auch die Elektroautos zu den Autos mit Verbrennungsmotoren hinzukommen und der Gesamtverbrauch an Produkten stetig steigt.

Allein machen sie dich ein. «Kritischer Konsum von einzelnen ist nicht der entscheidende Hebel», ist Bruno Kern, Autor des Buches Das Märchen vom grünen Wachstum, überzeugt. «Wir sind als Konsumenten viel stärker vom herrschenden Angebot abhängig, als dass wir es umgekehrt durch unsere Nachfrage beeinflussen können.» «Damit Konsument_innen eine relevante Größe sind, müssen sie sich organisieren», sagt Nina Tröger aus der Abteilung Konsumentenpolitik der AK Wien. Und selbstorganisierte Konsument_innen gebe es in Österreich über kleine Verbrauchergemeinschaften und Foodcoops hinaus kaum. Die Entscheidung für das «richtige» Produkt sei der einzelnen Person nicht zumutbar, zu undurchsichtig sei mittlerweile der Markt «selbst für mich, die sich beruflich damit beschäftigt». Und mit dem «sehr bewussten Umgang vieler Konsument_innen» werde vor allem eines gemacht: viel Umsatz. Dazu kommt, dass es zwar irreführend ist, wenn Unternehmen fälschlicher Weise suggerieren, der Kauf ihrer Produkte sei ein Akt gegen den Klimawandel, aber die bestehenden rechtlichen Möglichkeiten, dagegen vorzugehen, sind unzureichend. «Es gibt Ambitionen auf EU-Ebene, dieses De-facto-Greenwashing, also die Werbung mit grünen Aussagen, stark zu reglementieren,» erklärt Nina Tröger. Eine öffentliche Konsultation zu den «Nachweisen der Umweltleistung von Produkten & Unternehmen» wurde am 3. Dezember abgeschlossen. Das Ziel des Verfahrens: Ähnlich wie im Gesundheitswerbebereich sollen Unternehmen dazu verpflichtet werden, ihre Aussagen nach standardisierten Verfahren der Fußabdruckmessung zu belegen.

Bruno Kern, der heute in Mainz lebt, ist in Wien aufgewachsen, seine Politisierung begann mit den Protesten gegen den Bau des Kernkraftwerks in Zwentendorf an der Donau. Für die sozialen Bewegungen der 1970er- und 1980er-Jahre sei die Konsumdebatte noch relevant gewesen, sagt er. Herbert Marcuses Begriff der «Großen Verweigerung» war Programm. Verweigern des Konsums, Ausstieg aus dem Kapitalismus. An die Auseinandersetzung sozialer Bewegungen mit Konsum, seinen Gütern und seinen Produktionsbedingungen erinnern auch Überbleibsel wie der fair gehandelte Kaffee oder die Biomilch, über deren widersprüchliche Bedeutung im Supermarkt-sortiment sich heute so schön streiten lässt.

Diese Art, sich mit Konsum politisch und kollektiv auseinanderzusetzen, vermisse er heute, sagt Kern. Warum er es trotzdem nicht für ganz sinnlos hält, auf den Konsum zu achten – «Ich zum Beispiel bin sehr streng mit mir, was Flugreisen betrifft, aber weit weniger konsequent, wenn es um den Fleischkonsum geht» – hat mit politischer Ernsthaftigkeit zu tun. «Der Kapitalismus reproduziert sich ja über uns als Subjekte. Und im Sinne der Selbstermächtigung denke ich schon, dass es wichtig ist, zum Thema zu machen, was und wie viel wir konsumieren.» Eine Bewegung gegen Fluglärm, nennt Kern ein Beispiel, sollte sich die Verweigerung des Fliegens zu eigen machen; um das Repertoire des Widerstands zu erweitern und um glaubwürdig zu sein.

Die Verantwortung denen, die sie tragen. Umweltschonend einzukaufen kann auf mehreren Ebenen sinnvoll sein: Es ist in den meisten Fällen gesünder; auch sehr kleine Gruppen an Konsument_innen können überlebenswichtig für kleine Betriebe oder Produzent_innen sein; und das individuelle Verhalten ist relevant für die eigene Integrität. Individueller Konsum ist auch in seinem Gesamtvolumen nicht unbedeutend. Würden alle Konsument_innen ihre Handys länger nützen, würden alle ihre Kleidung Second-Hand kaufen, würden alle ein bisschen weniger Auto und ein bisschen mehr Rad fahren, dann würden die CO2-Emissionen selbstverständlich sinken. In einer Studie hat das Europäische Umweltbüro, ein Dachverband von Umwelt-NGOs, folgende beeindruckende Zahl festgestellt, erzählt Nina Tröger: «Wenn in der EU alle Haushaltsgeräte um ein Jahr länger genützt würden, würde das so viel eingespartem CO2 entsprechen, wie wenn zwei Millionen Autos für ein Jahr von der Straße genommen würden.» Aber «was wäre wenn» ist kein politisches Programm.

«Ich will keine Einkaufstipps, ich will keine Life-Hacks, und ich will schon gar keine Empfehlungen für nachhaltige Produkte. Das wird die drohende Umweltkatastrophe nicht aufhalten.», schreibt die Standard-Redakteurin Ana Grujić in ihrem Plädoyer Warum Ihr Bio-Einkauf nicht die Welt rettet. «Ich will Standards und Richtlinien, die es Firmen unmöglich machen, unsere Umwelt für ihren Profit zu zerstören.» Die Armutsaktivistin Daniela Brodesser will diese Kritik um die Frage der Leistbarkeit erweitert sehen: «Bewusst einkaufen gehen? Schöne Idee. Aber es gibt sehr viele Leute, die sich das nicht leisten können. Es ist falsch, die Verantwortung auf den Konsumenten abzuwälzen. Die muss bei den Unternehmen liegen.»

Den Hebel ansetzen. Der springende Punkt, meint Bruno Kern, sei, dass es eben nicht um den Konsum, sondern um die Produktion geht. «Es wird immer wieder diskutiert, ob man Fleisch verteuern könnte, um den Konsum zu regulieren. Viel vernünftiger wäre aber, den Hebel bei der Produktion anzusetzen: Flächenbindung bei der Tierhaltung, Futtermittelimportverbot.»

«Man muss die EU-Mitgliedsstaaten verpflichten», sagt Lena Steger, «ihren absoluten Ressourcenverbrauch zu reduzieren.» Das heißt, dass der Gesamtverbrauch eines Landes – vom Zement für den Straßenbau über die Braunkohle, die im zugekauften Strom steckt, bis zum Erdöl für die Düngemittel der importierten Bananen – weniger werden muss. Laut Bericht zur Ressourcennutzung in Österreich 2020 des Umwelt- und des Landwirtschaftsministeriums liegt Österreich beim Ressourcen-verbrauch mit 33 Tonnen/Kopf/Jahr an 5. Stelle in der EU.

Ein anderer Ansatzpunkt ist die Einführung eines Lieferkettengesetzes, das Unternehmen dazu verpflichtet, für die Einhaltung von Arbeits- und Menschenrechten und ökologischen Mindeststandards entlang der Lieferkette der von ihnen eingekauften Waren zu sorgen. Als Beispiel werden gerne katastrophale Arbeitsbedingungen oder Umweltverbrechen im globalen Süden genannt – zu Recht, aber man muss gar nicht so weit blicken, um sich am Green Smoothie zu verschlucken: «Es genügt, wenn man sich die Arbeits- und Wohnbedingungen der Erntearbeiter im Eferdinger Becken anschaut», sagt die Oberösterreicherin Daniela Brodesser. Sie ist in der Initiative Lieferkettengesetz zum Thema Armut aktiv. «Die verdienen teilweise drei Euro und ein bisschen was in der Stunde. Es genügt nicht, wenn man die Bauern und Bäuerinnen dafür anprangert. Die Konzerne müssen ihre Abnehmerpreise so gestalten, dass die Höfe ihre Arbeitskräfte ordentlich bezahlen können.»

Wenn Arbeitnehmer_innen nicht für Niedriglöhne oder in schlecht abgesicherten Dienstverhältnissen arbeiten müssten, könnten sie sich auch leisten, ihr bisschen an Konsumverantwortung zu übernehmen, sagt Brodesser. Sie und ihre Familie haben selbst herbe Armutserfahrungen gemacht, und sie weiß, was es heißt, jeden Cent umdrehen zu müssen. «Wenn man den Kindern dann ein einziges Mal neue T-Shirts kaufen will, muss man zum Diskonter gehen, obwohl man weiß, wie schlecht die Arbeitsbedingungen in der Textilproduktion sind. Aber fair gehandelte Kleidung ist einfach nicht drin.»

Mit dem Volksentscheid über die sogenannte Konzernverantwortung Ende November hat die Schweiz ein Möglichkeitsfenster geöffnet, um in ganz Europa Nägel mit Köpfen zu machen. Zwar wurde wegen der spezifischen Schweizer Abstimmungspolitik gegen die Verantwortung der Konzerne entschieden, numerisch waren die Pro-Stimmen aber in der Überzahl. Dass eine Mehrheit der Schweizer_innen «die mächtigen Konzerne und ihre Lobbys herausfordert – das gab es noch gar nie», schreibt die NGO Public Eye beinahe euphorisch. Ähnliches geschieht in Deutschland: Dort wird ein potenzielles Lieferkettengesetz bereits im Bundestag diskutiert. Auf EU-Ebene soll kommendes Jahr ein Gesetzesvorschlag vorliegen. Von Bemühungen, ein nationales Lieferkettengesetz zu entwerfen, ist in Österreich noch nichts zu bemerken.

Was ist grün und wächst? «Klimawandel und Umweltzerstörung sind existenzielle Bedrohungen für Europa und die Welt. Deshalb braucht Europa eine neue Wachstumsstrategie». Die Europäische Union ist ganz auf ihren «Grünen Deal» konzentriert, und während sich in der im März vorgestellten Strategie für Kreislaufwirtschaft durchaus vielversprechende Ideen zur Ressourcenschonung finden, bleibt insgesamt Wirtschaftswachstum zentrales Ziel. «Die große Illusion, die mit der Idee vom grünen Wachstum einhergeht, ist, dass man das auf Dauer gestellte Wachstum von den Ressourcen abkoppeln könnte – dass man also nur andere technische Möglichkeiten und Formen der Energiegewinnung entwickeln muss, und dann kann alles bleiben wie bisher», sagt Bruno Kern. «Aber tatsächlich müssen wir uns fragen: Wie bauen wir eine solidarische Gesellschaft auf einer wesentlich schmaleren materiellen Basis auf?» Dem stimmt Lena Steger von Global 2000 zu: «Eine wachsende Produktion ist per se nicht nachhaltig.» Steger ist als Ressourcencampaignerin Expertin auf dem Gebiet. Eines ihrer realpolitischen Steckenpferde ist das Pfandgebinde, über das sich Umwelt-NGOs und Handel regelmäßig in die Haare kriegen.

In den Regalen des Lebensmitteleinzelhandels frönt man einer Mischung aus Ökobewusstsein und Nostalgie: Das Einmachglas ist zurück. Fast wie ein Trost gegen das Ungemach der Gegenwart stet auf den Schraub-deckeln der Joghurtgläser: «Das gute alte Glas». Jetzt kostet das Joghurt ein bisschen mehr als im Plastikbecher, dafür ist das Gewissen erleichtert, und dass das Glas eben nicht «gut und alt», weil gebraucht, sondern «neu», also zum Wegwerfen ist – in Fachsprache ein «Einweggebinde» –, nimmt Ja, natürlich, die Bio-Eigenmarke von Rewe, zum Anlass für Online-Bastelanleitungen. Wie viele upgecycelte Blumenvasen und Teelichter der joghurtessende Mensch in seinem Wohnraum unterbringt, sei dahingestellt. Fakt ist: Einweggläser haben aufgrund des enormen Energieaufwands beim Einschmelzen eine extrem schlechte Ökobilanz. Und in der «guten alten Zeit», den 1990er-Jahren, lag die Mehrwegquote laut Lena Steger in Österreich bei 90 Prozent. Heute liegt sie bei 19 Prozent. Warum? Mehrweg ist gut für die Umwelt, aber nicht für die Verpackungsindustrie. «Um gegenzusteuern, braucht es eine verpflichtende Mehrwegquote», sagt Steger. Ob die Joghurtgläser die EU-Strategie für Kreislaufwirtschaft überleben, wird davon abhängen, ob adäquate verpflichtende Maßnahmen daraus entstehen. Im Aktionsplan zur EU-Strategie ist das Ende des Einweggebindes jedenfalls schon zu Papier gebracht.

Das V-Wort. Wird Verzicht zum Gebot der Stunde? «Das ist das böse V-Wort, das man nicht verwenden darf», sagt Bruno Kern und verwendet es gerade darum gern. «Es ist reine Augenauswischerei zu sagen, dass wir die ökologische Transformation nicht spüren würden.» Gerade weil es sich für jene, die nicht armutsbetroffen sind, im Kapitalismus recht komfortabel leben ließe, sei es so schwer, sich auf den Wandel des Wirtschaftssystems hin zu einem System, das die Erde tatsächlich nachhaltig länger bewohnbar macht, zu freuen. «Wenn wir möglichst viele Menschen auf diesem schwierigen Weg der ökologischen Transformation mitnehmen wollen, fangen wir klugerweise da an, wo es am wenigsten weh tut», schlägt Bruno Kern vor und erklärt, was er mit dem Postwachstumsökonomen Niko Paech als «Befreiung vom Überfluss» bezeichnet. «Vieles, wo wir abspecken müssen, ist nur kapitalistischer Leerlauf. Sehen wir uns die berühmte geplante Obsoleszenz an, den eingebauten Verschleiß, der uns dazu zwingt, bestimmte Produkte in immer kürzeren Zyklen anzuschaffen. Es mindert keines Menschen Lebensqualität, wenn ein Kühlschrank statt fünfzehn auf einmal vierzig Jahre hält. Und das könnte man ordnungspolitisch einfach durchsetzen.» Länger nutzbar und leichter reparierbar, auch das sind Stichworte der EU-Strategie für Kreislaufwirtschaft. «Es handelt sich hier um eine grobe Allgemeinstrategie, zu der einzelne Maßnahmen entwickelt werden müssen», sagt Nina Tröger auf die Frage nach der gesetzlichen Verbindlichkeit. «Das verbindlichste Mittel ist in dem Bereich bisher die Ökodesignrichtlinie, die regelt, dass energieverbrauchsrelevante Produkte wie Waschmaschinen oder Fernseher gewisse Mindeststandards erreichen müssen, um auf den EU-Binnenmarkt zu kommen.» Mit der neuen Kreislaufwirtschaftsstrategie sollen diese Bestimmungen auf Produkte wie Möbel und Textilien ausgeweitet und um Mindestkriterien der Reparierbarkeit erweitert werden.

Als Konsument_in verzichten zu können oder verzichten zu müssen, das ist eine Frage des Einkommens. «Die Debatte fängt immer bei uns unten an, aber sie müsste ganz oben anfangen», findet Daniela Brodesser: Gesetzliche Regelungen müssen Unternehmen zum Verzicht zwingen –  auf hohe Gewinnmargen und auf Steuervermeidung. Dann ließen sich einerseits die externalisierten Kosten, die das Lieferkettengesetz sichtbar machen wird, begleichen, ohne sie an die Endverbraucher_innen weiterzugeben; und zweitens würde der Staat Steuereinnahmen machen, mit denen er ein soziales Netz finanzieren und ökologische Infrastruktur aufbauen kann, die allen zur Verfügung steht.

In ihrer Empirischen Untersuchung zu Diskrepanzen im Umweltverhalten der österreichischen Bevölkerung schreibt die Grazer Soziologin Beate Klösch (2019), dass die Befragten ihren Value-Action-Gap gern geschlossen sähen: durch Infrastrukturen und Regulative, die die klimafreundliche zur normalen, weil naheliegenden Entscheidung machen. Ein Lebensstil mit wenig Ressourcenverbrauch, sagt jemand in Klöschs Befragung, müsste zum Statussymbol erhoben werden: «Ich arbeite nicht Vollzeit, ich fahre auf Urlaub in Oberösterreich, ich fahre mit dem Bus oder der Bahn zu meiner Wanderung, solche Dinge, dass das in wird. Das wäre, glaube ich, der Weg.»