In der Sprachenkantine

Erschienen in: Augustin Nr. 500, Februar/März 2020

Kontakte knüpfen, Sprachen lernen. Die Station Wien ist ein Ort zum Ankommen – egal ob man aus Damaskus oder Belgrad, aus Mogadischu oder Margareten kommt.

«Glatte Haare», sagt Tim, und zeigt auf die Haare einer Besucherin, «oder lockige Haare», er zeigt auf eine andere Person. «Lockige?», fragt ein Mann und zeichnet mit der Hand eine Welle in die Luft. «Genau», Tim schreibt das Wort auf einen Zettel: «W-e-l-l-e-n wie das Haar oder das Meer oder das Radio». Etwa fünfzehn Erwachsene sitzen um den Tisch. Ein laminiertes Schild in der Mitte verweist auf die Sprache, die hier gelernt wird: Deutsch. An den Nebentischen kann man Italienisch lernen, Serbokroatisch, Spanisch oder Arabisch.
Im Sprachencafé am Einsiedlerplatz kommen dreimal die Woche rund einhundert Menschen zusammen, die meisten von ihnen über Mundpropaganda, um ihre linguistischen Fertigkeiten zu erproben. Manche wollen gern ein paar Brocken Türkisch lernen, andere ihr Universitäts-Arabisch perfektionieren, wieder andere müssen eine Deutschprüfung bestehen, um ihren Aufenthaltstitel zu sichern. An den Tischen sitzt man dicht an dicht, hilft sich gegenseitig, wird angesprochen und darf aussprechen, auch wenn die neuen Wörter nur langsam aus dem Mund holpern wollen. Tim, der vor viereinhalb Jahren von Sydney nach Wien gezogen ist, ist früher selbst in die Station Wien gekommen, um sein Deutsch zu verbessern. Heute stellt er als ehrenamtlicher Tischbetreuer seine Sprachkenntnisse zur Verfügung, um, wie er sagt, «einen bescheidenen Beitrag zur Gesellschaft zu leisten».

Das ABC der Behörden. A1, B1, C2 – das ABC der nationalen Sprachzwänglerei, im offiziellen Terminus «Integrationsvereinbarung», ist bei Leuten, die um einen gesicherten Aufenthalt kämpfen, ins Alltagsvokabular übergegangen. A1 bis C2 bezeichnen europaweit die Niveaustufen des Spracherwerbs von elementaren bis nahezu erstsprachlichen Kenntnissen. In den Erzählungen hier im Sprachencafé geht es aber vor allem um Prüfungen, die für den Aufenthaltstitel abgelegt werden müssen. «Wenn Du B2 schaffst, erleichtert das den Erwerb der Staatsbürgerschaft», erklärt mir eine junge Frau aus Damaskus. Sie spricht nach drei Jahren in Wien fast einwandfrei Deutsch und möchte von anderen Teilnehmer_innen ganz genau wissen, was sie für die B2-Prüfung können muss. «Ein bisschen mehr Grammatik und vor allem Synonyme», berichtet Julija, die fließend Deutsch kann. Julija ist Juristin und arbeitet im Lager eines Bekleidungskonzerns. Ihren serbischen Studienabschluss nostrifizieren zu lassen komme fast einem zweiten Studium gleich, sagt sie, und dabei gleichzeitig Geld zu verdienen sei zeitlich fast unmöglich. Auch zwei Herren aus Baghlan sitzen am Tisch, Brüder, die in Afghanistan im ständigen Krieg aufgewachsen und nie zur Schule gegangen sind. Vor wenigen Jahren sind sie mit ihren Familien nach Wien gereist. Während die Kinder quasi im Vorübergehen zweisprachig werden, lernen die Väter das erste Mal überhaupt zu schreiben. Unalphabetisiert in eine Fremdsprache einzusteigen, die noch dazu ein anderes Schriftbild hat, ist eine Höchstleistung. Die behördliche Anerkennung dafür liegt bei null.

Sprache im Herzen. Auf den Tischen der Station Wien gibt es keine Einteilung in Sprachniveaus. Hier kommt man her, um, wie Anna Schwendinger sagt, «von den Sprachen zu kosten». Anna Schwendinger, die das Sprachencafé koordiniert, ist Expertin in diesem Metier, ihre Erstsprache ist Deutsch mit niederösterreichischem Einschlag, später studierte sie Russisch, Bulgarisch und Bosnisch und ließ sich zur Dolmetscherin ausbilden. «Meine Mutter hat auch Russisch studiert und mir als Kind auf Russisch vorgesungen. Am Land, wo ich aufgewachsen bin, war sie die Einzige, die das konnte.» Die Lieder der Mutter – fast zu schön, um wahr zu sein – erweckten Schwendingers Sprachensehnsucht, und folgerichtig «kostet» sie im Sprachencafé von der Wiener Vielfalt: «Ich habe ein bisschen Somalisch gelernt und ein bisschen Kurdisch. Das Schöne ist: Wenn man eine Sprache lernt, hat man Zutritt zum Herzen der Menschen.»
Sprachzertifikate kann man in der Station Wien zwar auch erwerben, aber der primäre Auftrag des Vereins liegt darin, Menschen das An- und Zusammenkommen zu erleichtern. «Deutsch allein, das bringt nix», sagt Ferhan Umancan-Zepke knapp, «das Wichtigste ist, Begegnungen zu ermöglichen.» Sie erzählt von Frauen, die wegen des Pflichtschulabschlusses herkamen und heute Ausbildungen zur Kindergartenassistentin oder zur Fahrschullehrerin machen. «Auch ein junger Mann aus dem Iran kommt hierher, er ist Asylwerber und macht die Pflegeausbildung; er redet besser Deutsch als ich, ist sehr gut angekommen, aber sein Asylverfahren sieht nicht gut aus. Das sind Geschichten, die sind einfach total schade.»
Umancan-Zepke, studierte Publizistin und nach eigener Beschreibung «Weltbürgerin», ist vor 35 Jahren nach Wien gekommen. Seither lebt sie in Margareten, beobachtet Veränderungen im Grätzl, steigende Mieten, eine harscher werdende Integrationspolitik, aber auch ein wachsendes Angebot an Treffpunkten. In einer Großstadt wie Wien, in der man Nachbar_innen nicht mal eben so auf der Straße kennenlernt und es als komisch gilt, anzuläuten und Hallo zu sagen, braucht es Räume, in denen Begegnen geübt werden kann. Darum hat Ferhan Umancan-Zepke mit einer Handvoll Mitstreiter_innen in den späten 1990er-Jahren die Station Wien gegründet. Anfangs war da ein informelles Grüppchen, das Sprachkurse organisierte, alles beruhte auf Ehrenamt. Erst später gab es Förderungen, Strukturen wurden aufgebaut, der Verein professionalisierte sich. Die Kurse wurden ausgeweitet, Beratungsangebot kam dazu, und in den Begegnungsräumen entstanden immer neue Ideen für neue Gruppen und neue Modelle des Miteinanders. Heute, sagt die Obfrau, müssten sie Werbestopp machen, und tatsächlich, die Räume platzen aus allen Nähten: Abends beim Sprachencafé genauso wie am Vormittag bei «Mama lernt Deutsch».

Palatschinken mit Honig. «So meine Lieben», setzt die Lehrerin an. Auf dem Whiteboard hat sie Bildkärtchen mit Lebensmitteln befestigt, die später als Vokabelstütze dienen werden. Ein Hörstück beginnt, die erwachsenen Schülerinnen lauschen konzentriert der Tonbandstimme: Eine in Marokko lebenden Französin erzählt, dass sie zum Frühstück dicke Palatschinken mit Honig isst. «Palatschinken sind nicht dick», entrüstet sich Dina. Ihre Palatschinken seien hauchdünn! Dina ist vor drei Jahren aus Afghanistan nach Wien gekommen, eineinhalb davon war sie mit ihrem Baby zu Hause. Aber das sei keine besonders gute Idee, meint sie, und dass es sich wunderbar anfühle, endlich rauszukommen, zu lernen, zu lesen, miteinander zu sprechen. Eine andere Frau moniert inzwischen, in Marokko esse man in Wirklichkeit nur Couscous, und Ribana aus Rumänien versteht das Wort «Marokko» nicht – wo sie aufgewachsen ist, hätte es einen Schokoriegel mit diesem Namen gegeben. Die Frauen lachen heiter, ein Globus wird aus dem Regal geholt, eine Teilnehmerin zeigt auf Nordafrika.

Offene Türen. Es ist eine alte Weisheit, dass es keinen Druck braucht, um etwas zu lernen. Im Gegenteil. Und keinen Zwang, um sich «zu integrieren», besser gesagt: gut anzukommen. Es braucht eine Einladung, eine offene Tür. «Ich spüre diese Dankbarkeit», sagt Ferhan Umancan-Zepke, «und ich sage das nicht, damit wir in deinem Artikel besser dastehen.» Die Menschen kämen, um aktiv teilzuhaben: «Mir wird etwas angeboten, ich kann in Frieden hier leben und lernen, und dafür möchte ich etwas zurückgeben – sei es ein Beitrag zum Kuchenbuffet oder eine Freundschaft.» Sagt man über die Station Wien, dass hier Migrant_innen und Flüchtlingen unterstützt werden, dann widerspricht die Obfrau ein bisschen: «Es kommen auch Menschen aus Österreich, die ganz offen sagen: Ich habe Depressionen gehabt, und jetzt geht es mir endlich besser. Ich kann etwas geben, etwas nehmen, ich lerne Menschen kennen, trete in Kontakt.»
«Toi toi toi», lehrt Tim die Sprachbegierigen an seinem Tisch, das heißt auf Österreichisch «Viel Glück». In der Tür des Sprachencafés steht Anna Schwendinger und begrüßt die Ankommenden wie Freund_innen, deren Besuch lange ersehnt wurde. Die Niedrigschwelligkeit, mit der man hier zueinander in Beziehung tritt, ist faszinierend – man stelle sich mal vor, sie würde in der ganzen Stadt Schule machen. •

Illustration: Lisa Bolyos

Station Wien, 5., Einsiedlerplatz 5
Der Verein freut sich über ehrenamtliche Lernhelfer_innen für Kinder und Tischbetreuer_innen im Sprachencafé.
stationwien.at
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