Es ist nie zu spät, sich zu befreien

Erschienen in: Augustin 496, Dezember 2019/Jänner 2020

Gewalt in Paarbeziehungen über 65 – gibt es so etwas überhaupt? Ja, bestätigen
Expert_innen. Aber es wird ungern darüber geredet.

Herr M. ist im Alter von 86 Jahren an einem Herzinfarkt gestorben, Ort des Todes: die Außentoilette im Garten des kleinen Bauernhofs, den Frau und Herr M. miteinander bewohnten. Als die Sanitäter den Verstorbenen ins Haus tragen wollen, stellt Frau M. sich quer. «Sechzig Jahre hat mi’ der gequält», sagt sie mit verschränkten Armen, «jetzt will i’ den nimmer im Haus haben.» Was wie eine launige Anekdote aus dem Alltag einer Landärztin klingt, ist tatsächlich Ausdruck eines tabuisierten Phänomens: häusliche Gewalt im Alter.

Älter werden. 1,7 Millionen Österreicher_innen waren laut Statistik Austria Anfang 2019 über 65 Jahre alt. Durch die steigende Lebenserwartung werden es im Jahr 2050 schon rund 2,6 Millionen sein. Auch in relativen Zahlen werden alte Menschen ein immer größerer Teil der Gesellschaft – und es gilt, mit ihnen nicht nur Schlagwörter wie Pflegearbeit und Pensionssystem zu assoziieren, sondern sich den verschiedensten Aspekten des Lebens im Alter zuzuwenden.
Mediale Bilder von alten Paaren zeigen oft lächelnde, weise Menschen, die einen harmlos-liebevollen Umgang miteinander pflegen. Darin wird vor allem Passivität und Milde festgeschrieben, und zwei Klischees werden fortgetragen: Alte Menschen hätten kein sexuelles Interesse aneinander; alte Menschen hätten keine Konflikte miteinander – und schon gar nicht lebten sie in Gewaltbeziehungen.

Eine von fünf. «Eine von fünf Frauen ist von Gewalt betroffen», sagt Barbara Ille, «also ist die Wahrscheinlichkeit, dass man selbst betroffene Frauen kennt, sehr hoch.» Ille ist stellvertretende Geschäftsführerin der Wiener Interventionsstelle gegen Gewalt in der Familie, die 1998 mit Inkrafttreten des Gewaltschutzgesetzes eingerichtet wurde. Ille und ihre Kolleginnen werden eingeschalten, wenn die Polizei zu einem Fall häuslicher Gewalt gerufen wird und eine Wegweisung des Täters vornimmt; dann kontaktieren die Expertinnen die von Gewalt betroffenen Personen.
Im Jahr 2018 hat die Interventionsstelle 5.816 Personen betreut, 5.043 davon waren Frauen und Mädchen. Diese Zahlen lassen sich nur vor dem Hintergrund eines gesellschaftlichen Machtgefüges verstehen: Werden Frauen strukturell benachteiligt und damit abgewertet, wirkt sich das potenziell auch auf Paarbeziehungen aus. Je weniger patriarchal eine Gesellschaft ist, desto weniger Gewalt gibt es im sozialen Nahbereich.
Die Statistik der Interventionsstelle kennt auch das Alter ihrer Klient_innen: Im Jahr 2018 waren 233 Personen zwischen 61 und 80 Jahre alt, 25 waren älter als 80. Erfahrungen aus der Beratungspraxis lassen jedoch die Hypothese zu, dass die Dunkelziffer bei alten Frauen, die von Partnergewalt betroffen sind, viel höher ist.
«Ich denke, alte Leute nehmen insgesamt mehr in Kauf, bevor sie gehen», meint Andrea Brem, Geschäftsführerin des Vereins der Wiener Frauenhäuser, «denn das Risiko, einsam zu sein, ist über 70 höher als für eine junge Frau. Da entschließt man sich schwerer zur Trennung.» Die Wiener Frauenhäuser sind alle barrierefrei zugänglich, und Frauen können bei Bedarf auch eine Pflegekraft mitbringen. Aber die tatsächlichen Barrieren liegen meist weit vor der Eingangstür; sich nach einer langen Ehe zu einem Bruch zu entscheiden, braucht viel Kraft. «Einen alten Baum verpflanzt man nicht», sagt Ille – oder zumindest nicht so leicht.

Zum Seelendoktor. Mit der Scham, eigene Verletzungen anzusprechen, haben die meisten Menschen zu kämpfen, meint der Therapeut und Sozialarbeiter Dieter Schmoll von der Wiener Männerberatung – in der älteren Generation komme aber ein peinlich berührtes Verhältnis zu Beratungsstellen hinzu. Das Vorurteil, wer zum Seelendoktor geht, muss verrückt sein, hat Bestand. «Den Gedanken an eine Therapie können viele nicht mit sich vereinbaren», so Schmoll.
Bevor man darüber nachdenken kann, sich jemandem anzuvertrauen, muss es jedenfalls ein Eingeständnis geben, dass etwas falsch läuft. In einer Studie des Instituts für Konfliktforschung zu «Partnergewalt gegen ältere Frauen» (2010) zitieren Helga Amesberger und Birgitt Haller Einschätzungen aus einem Expert_inneninterview: «Das Hauptproblem hinsichtlich Partnergewalt liege bei der älteren Generation in einem Informationsdefizit: Sie wüssten weder über das Gewaltschutzgesetz noch über ihre Rechte oder über manche Straftatbestände Bescheid.» Fehlendes Unrechtsbewusstsein über Gewalttaten ist unter anderem Produkt der langsamen Entwicklung des österreichischen Strafrechts: Vergewaltigung in der Ehe ist erst seit 1992 ein Straftatbestand und erst seit 2004 ein Offizialdelikt. Ein Großteil der Paarbeziehungen erwachsener Österreicher_innen hat also in einer Zeit geheiratet, in der der Mann straffrei gewalttätig zur Frau sein konnte. «Ist meine Gewalt berechtigt oder nicht? Wenn ich meine Frau anschreie, ist dann nicht vielleicht sie schuld? Das sind Haltungen, die sich bei älteren Menschen öfter finden», meint Dieter Schmoll.

Schuld ist meine Frau. «Das Problem ist in erster Linie natürlich meine Frau.» Friedrich Mohnheim ist Prokurist in einer Reederei, hat zwei Kinder und lebt in Ehe mit einer Frau, die er seit achtzehn Jahren schlägt. Mohnheims Figur ist fiktiv, beruht aber auf eingehenden Recherchen über familiäre Gewalttäter. In der Dokufiktion «Das Problem ist meine Frau» wird er von dem Schauspieler Arnold Dammann dargestellt: ein Mann Mitte sechzig, weißhaarig, im Anzug. Männer über 65 kämen sehr selten zu ihm in die Männerberatung, erzählt Dieter Schmoll.
Auch für die Täterarbeit stellen sich neue Fragen, wenn Menschen älter werden. «Es ist etwas anderes, wenn ein Mann in der Demenz aggressiv und gewalttätig wird, als wenn ein Dreißigjähriger zuschlägt», sagt Andrea Brem. Spielt auch die Sorge, der hochaltrige Partner könne eine Gefängnisstrafe nicht überstehen, eine Rolle? Barbara Ille hält sie jedenfalls für unbegründet: «70 Prozent der Verfahren werden eingestellt», sagt sie mit unverhohlenem Ärger. «Dabei hätte auch ein alter Mann nach einem Strafverfahren in einem Anti-Gewalt-Training noch die Chance, sich zu ändern. Die Gehirnforschung beweist ja, dass wir im Alter lernfähig bleiben.»

Unbesprechbar. «Weil ich oft gesagt habe: ‹Heast, ich habe immer herhalten müssen.› (…) Hat sie [die Enkelin] gesagt: ‹Oma, das war ja eine Vergewaltigung.› Sage ich: ‹Ja Cornelia, das war eine Vergewaltigung und ich habe mich nicht rühren dürfen.»
Für die Studie «Partnergewalt gegen ältere Frauen» haben Amesberger/Haller zehn Frauen interviewt, die jahrzehntelang in Gewaltbeziehungen lebten, bevor sie ausbrechen konnten. In den Gesprächen habe keine Frau von selber über sexualisierte Gewalt gesprochen, schreiben die Autorinnen, erst auf Nachfrage seien diese Verletzungen erzählbar geworden.
Expert_innen aus Beratung und Therapie gehen davon aus, dass die Dunkelziffer bei sexualisierter Gewalt noch höher ist als bei physischer und psychischer. «Das Schamgefühl ist größer und gerade ältere Frauen vermitteln uns immer wieder, dass sie dachten, das gehöre eben dazu, auch wenn ihnen klar ist, dass sie das eigentlich nicht wollen», so Ille. Vielleicht müsste man, um sexualisierte Gewalt im Alter besprechbar zu machen, auch konsensuelle Sexualität im Alter enttabuisieren.

Sex mit Falten. «I packs ned», sagt der Sohn. «Na, aus. Papa du machst Schluss damit und wir reden nimmer drüber. Du machst dich doch nur lächerlich. Und uns dazu.» Die Familienszene aus «Anfang 80», einem Film mit Karl Merkatz und Christine Ostermayer, erzählt vom Tabu, das Liebe und Sex im hohen Alter auch für die jüngere Generation bedeutet. Dem Sohn graust’s, er kann nicht glauben, dass sich der Vater mit 80 Jahren noch neu verliebt – und dazu nicht einmal in eine Jüngere, sondern in eine Gleichaltrige. Was soll an der schon sexy sein?
«Es ist relativ neu, dass in Filmen körperliche Annäherung zwischen älteren Paaren gezeigt wird», meint Barbara Ille. Dabei wäre das ein notwendiger Beitrag, um normal über Normales reden zu können. «Natürlich gab es auch in der Generation meiner Großmutter feministische und aufgeschlossene Frauen», sagt Ille. «Aber es waren wenige. Es war nicht gängig, über Sexualität und Verhütung zu reden. Und um so weniger über schlimme Erfahrungen.»
Interessanterweise endet auch die kurze Konfliktszene in «Anfang 80» mit patriarchaler Gewalt: Der hochaltrige Vater schlägt dem erwachsenen Sohn nach seinem verbalen Übergriff ins Gesicht.

Eigenes Konto. Nicht nur gesellschaftliche Tabus, sondern auch schnödes Geld spielt eine Rolle, wenn Frauen sich befreien wollen. Fehlende finanzielle Unabhängigkeit kann eine Trennung zu etwas Existenzbedrohendem machen. «Dann wird die Frage relevant, ob es einen eigenen Pensionsanspruch gibt», meint Barbara Ille. Christine Mayrhuber vom Österreichischen Institut für Wirtschaftsforschung hat die Zahlen dazu: «Etwa 11 Prozent der Frauen in Österreich – und nur 0,6 Prozent der Männer – haben keinen Pensionsanspruch». Das sind z. B. Frauen, die wegen Hausarbeit und Betreuungspflichten keiner Erwerbsarbeit nachgegangen sind. Sind sie verheiratet, dann steht ihnen nach einer Scheidung Unterhalt zu. Unverheiratete Paare müssen Unterhaltszahlungen vertraglich miteinander regeln.
Aber auch Frauen mit Pensionsanspruch steigen viel schlechter aus als Männer. Die Durchschnittspension beträgt für Frauen in Österreich 1.028 Euro, mehr als 600 Euro weniger als für Männer. «Was kostet es, wenn ich mich trennen und ausziehen würde? Und kann ich mir das leisten?», seien berechtigte Fragen in der Biografie einer älteren Frau. Mit dem Pensionssplitting während der Kinderbetreuungszeiten gebe es zwar ein probates Mittel, den großen Differenzen im Alter entgegenzuwirken, so Mayrhuber. Aber das werde so gut wie nicht genützt.

Ende des Schweigens. «Wenn mein Auto einen Blechschaden hat, werde ich sofort darauf angesprochen, was passiert ist», sagt Barbara Ille, «wieso sprechen wir also Menschen mit Verletzungen nicht darauf an? Weil es ein Tabu ist, und mit unserem Schweigen tragen wir dieses Tabu weiter.» Mitwissende – Nachbar_innen, erwachsene Kinder, Ärzt_innen – müssen das Wegschauen verlernen. Die zentrale Nachricht: Es ist nie zu spät für eine Veränderung. «Man hat immer das Recht auf ein gewaltfreies Leben, egal wie alt man ist», sagt Ille. Und es zahlt sich aus, auch für die letzten Lebensjahre danach zu streben. •

Bild: Carolina Frank unter Verwendung eines Fotos von monkeybusinessimages/Getty Images/iStockphoto. Die abgebildete Person steht in keinem Zusammenhang mit dem Inhalt des Textes.

Frauenhelpline gegen Gewalt: 0800 222 555
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Polizei: Notruf 133
SMS & Notruf für Gehörlose:
0800 133 133
Frauenhäuser bieten eine sichere Wohnmöglichkeit für Frauen, die Gewalt durch Partner oder Ehemann erleben, und für ihre Kinder. Es gibt vier Frauenhäuser in Wien, 30 in ganz Österreich.
Notruf Wien: 05 77 22
aoef.at, frauenhaeuser-wien.at
Die Wiener Interventionsstelle gegen Gewalt in der Familie ist dem Gewaltschutz verpflichtet. Beratung und Information für Betroffene von familiärer Gewalt und Stalking, Begleitung zu Polizei und Behörden, Prozessbegleitung
Tel.: (01) 585 32 88
interventionsstelle-wien.at
An die Männerberatung können sich Männer mit allen Fragen und Problemen wenden. Unterstützung für Opfer von Gewalt ebenso wie Beratung und Therapie für Gewalttäter
Tel.: (01) 603 28 28
maenner.at
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