„Ich würde nie auf die Idee kommen, meine Freundin im Café zu küssen“

LGBTIQ* in Kiew

erschienen in: Wienerin # 336, September 2017

Kiew unterm Regenbogen. In der ukrainischen Hauptstadt weht ein liberaler Wind. Doch zwischen Feiern und Demonstrieren bleibt ein Alltag, in dem Lesben, Schwule und Transgender viele Rechte erst erkämpfen müssen.

Das Insight-Büro hat seine Räume im Hinterhaus eines dieser typischen Wohnkomplexe aus dem 19. Jahrhundert, die das Kiewer Stadtzentrum prägen. Da noch ein versteckter Innenhof, dort noch eine schmale Zufahrt, überall Balkone vollgepackt mit Topfpflanzen. Der sonnige Tag macht das mediterrane Flair komplett.

Ausgeschildert ist nichts, die Leute im Haus müssen nicht unbedingt wissen, was sich hinter der neutralen Eingangstür befindet. „Es gab nie Attacken,“ sagt Marina, „nur einmal wurde die Tür besprüht, aber das zählt nur als ganz kleiner Anschlag“, und zeigt mit dem Abstand zwischen Zeigefinger und Daumen: so klein.

Die Hauptstadt ruft. Marina arbeitet in der Lesbenberatung von Insight. Die durchschnittlichen Sorgen der Frauen, die zu ihr kommen, kann sie bestens nachvollziehen: das versteckte Leben in der eigenen Familie, die Suche nach Verbündeten, die Schwierigkeit, sich als die zu zeigen, die sie ist.

Marina kommt aus der ostukrainischen Stadt Donezk. Die Großstadt im Donbass hat in Resteuropa erst mit dem Krieg zwischen Ukraine und Russland an Bekanntheit gewonnen. Nicht nur der Krieg sei Alltag, sondern auch die Diskriminierung, erzählt Marina. Lokale oder Clubs, in denen Homo- und Transsexuelle sich in Ruhe aufhalten könnten, gibt es in Donezk keine, Marina hat ihre Freundinnen „immer am gleichen Ort in einem Park“ getroffen. Im April 2014 haben selbsternannte Befreiungstruppen die „Volksrepublik Donezk“ ausgerufen. Mit den neu eingeführten Propagandagesetzen, denen zufolge man seine Homosexualität nicht öffentlich zeigen darf, ist der Raum noch enger geworden. 2014 hat Marina beschlossen wegzugehen. „Meine Mutter weiß nicht, dass ich lesbisch bin, und das soll auch so bleiben. Sie hält das ja doch nur für eine Krankheit.“ All die Jahre in Donezk hat die Anfangdreißigerin einen Teil von sich vor ihrer Familie geheim gehalten: „Wenn ich eines bis zur Perfektion gelernt habe, dann ist es, über mich selbst zu lügen.“, lacht sie und fügt mit Blick auf die Zigarette, die sie sich am Balkon anzündet, hinzu: „Auch so etwas, das meine Mutter besser nicht wissen sollte.“

„Meine Mutter kann zwar nicht verstehen, warum ich lesbisch bin, aber meine erste Freundin hat sie trotzdem sehr gern gehabt.“

Keine öffentlichen Küsse. Der Besprechungsraum von Insight ist mit bunten Sitzpolstern ausgestattet, an den Wänden hängen Regenbogenflaggen, „ΚΒΙΡ“ steht da in farbigen Buchstaben, kyrillisch für „queer“. Insight wurde 2007 mit EU-Fördergeldern als Beratungsorganisation für Lesben, Schwule, Queers und Transgender gegründet. Hier kommen Leute her, um sich beim Outing begleiten zu lassen oder sich im Kampf gegen Diskriminierung Unterstützung zu holen. Auch wenn Kiew gerne „Berlin des Ostens“ genannt wird und in der 4-Millionen-Stadt am Dnjepr mittlerweile jährlich eine Pride-Parade stattfindet, ist die Bewegungsfreiheit von LGBTQ-Personen eingeschränkt. „Ich bin noch nie tätlich angegriffen worden“, sagt Marina, „aber ich würde auch nicht auf die Idee kommen, meine Freundin auf der Straße an der Hand zu halten oder sie in einem Café zu küssen.“ In Gedanken an etwas dermaßen Unvorstellbares schüttelt sie den Kopf.

Vor wenigen Jahren, als im Osten bereits Krieg war, hat Insight am Stadtrand von Kiew eine Schutzwohnung für Binnenflüchtlinge eingerichtet. Vier bis sechs LGBTQ-Personen kommen in der Wohngemeinschaft unter, „zur Not geht es auch einmal zu acht“, meint Julie, die hier seit vier Wochen wohnt. Drei Monate kann man insgesamt bleiben, um sich auszuruhen, sich in der neuen Stadt zurechtzufinden, eine Wohnung und einen Arbeitsplatz zu organisieren. Die Zimmer sind klein und gemütlich eingerichtet, auf dem Kühlschrank in der gemeinsamen Küche lässt ein Pinguin einen Regenbogen-Luftballon fliegen: „Have a nice day“, steht da. Vom Wintergarten aus kann man beeindruckende sechs Stockwerke hinunter in den Hof der riesigen Plattenbausiedlung sehen. Am Fensterbrett hat jemand Gemüsepflänzchen eingetopft.

Dass die Schutz-WG in den Suburbs ist, mag nicht ideal sein, liegt aber an den hohen Innenstadtmieten. „Um sich die leisten zu können, musst du zumindest Programmiererin in der Privatwirtschaft sein.“, sagt Julie. Julie ist Anfang zwanzig, sie hat in Donezk Mathematik studiert. Erst heute war sie im Insight-Büro, um den Wohnvertrag einen Monat zu verlängern und sich mit den Mitarbeiterinnen über den Kiewer Arbeitsmarkt auszutauschen. Im Moment hilft sie einer Freundin bei einer Konzertagentur aus, um ein bisschen eigenes Geld zu verdienen. Julie ist nicht nur des Krieges wegen nach Kiew gezogen, sondern auch weil die Großstadt einfach mehr zu bieten hat – und der Abstand vom Elternhaus schadet auch nicht. „Meine Mutter weiß, dass ich lesbisch bin. Sie kann es zwar nicht verstehen und betet wahrscheinlich für mich, aber meine erste Freundin hat sie trotzdem sehr gern gehabt.“

»Dass Ihr Kind homosexuell ist, kann ich nicht ändern. Aber ich kann Ihnen helfen zu ändern, dass es Sie stört.«

Gebete und Sexarbeiterinnen. Gebetet hat anfangs auch Galina. Heute ist die rund sechzigjährige Mutter eines Sohnes selbstbewusst genug, davon zu erzählen: von damals, als ihr Sohn sich geoutet hat und sie nur damit beschäftigt war, ihm „das“ wieder auszutreiben. Mit Gottes Hilfe und der seiner Freunde oder auch mit dem Arbeitseinsatz einer Sexarbeiterin. Ihr Sohn, sagt Galina, war der erste Schwule, den sie kannte – aufgewachsen in der Sowjetunion habe Homosexualität für sie schlicht „nicht existiert.“ Heute ist Galina LGBTQ-Aktivistin und diskutiert mit Eltern- und Studierendengruppen über Homosexuellenrechte in der Ukraine.

Im vergangenen Jahr hat eine Allianz aus Gruppen, die für LGBTQ-Rechte eintreten, eine Revision des ukrainischen Arbeitsrechts erreicht. Diskriminierung am Arbeitsplatz aufgrund sexueller Orientierung ist damit explizit verboten. Ein Schritt in die richtige Richtung, meint Galina, „aber ein bisschen mehr Engagement aus den Regierungsreihen wäre schon angebracht.“

Galina ist bei Tergo aktiv, einer Gruppe von Eltern, deren Kinder als LGBTQ geoutet sind. „Eines Morgens habe ich den Fernseher aufgedreht und Bogdan Globa in einer Talkshow gesehen. Er sagte, dass er offen schwul lebt und einen weiten Weg gehen musste, um darüber in der Öffentlichkeit sprechen zu können. Und das Wichtigste: Bogdans Mutter hatte eine Organisation für Eltern wie mich gegründet. So bin ich zu Tergo gekommen.“

Rund einhundert Elternteile haben Olena Globa und ihre Mitstreiterinnen in den letzten vier Jahren beraten. Gemeinsam ist allen, die hier herkommen, dass sie sich mit den Neuigkeiten, die ihre Kinder ihnen unterbreiten, alleine fühlen. Nicht wissen, ob das Gerede von Krankheit und psychischer Störung einen wahren Kern hat. Ob sie schuld dran sind. Ob das heilbar ist. Ob ihre Kinder jemals glücklich werden. Und mit wem sie darüber sprechen können. Olena erzählt, sie selbst hätte zu allererst eine Psychologin aufgesucht: „Passen Sie auf, habe ich gesagt, ich gebe Ihnen, was Sie dafür verlangen, und sie ändern meinen Sohn. Ihre Antwort war: Dass Ihr Kind homosexuell ist, kann ich nicht ändern, dazu mir fehlt die Expertise. Aber ich kann Ihnen helfen zu ändern, dass es Sie stört – und das wird auch genug kosten.“

Schwuler Enkel, stolzer Opa. Die Beratung von Tergo setzt in den Familien an. Hier soll das dringend nötige gesellschaftliche Umdenken seinen Ausgang nehmen. „Wenn man weiß, dass man nicht die einzige ist, ist es einfacher, gesamtgesellschaftlich und auch auf Gesetzesebene Verbesserungen einzufordern“, sagt Olena Globa: zum Beispiel wenn es um die Eintragung von Partnerschaften geht, um Erbrecht und das Recht, einander im Spital zu besuchen. Heirat und Kinderadoption bleiben, nach dem kalmierenden Ton zu schließen, den Präsident Poroshenko Richtung Orthodoxer Kirche anschlägt, vorerst Zukunftsmusik.

Die Tergo-Aktivistinnen sind in erster Linie Mütter. „Ukrainische Väter sind nicht sehr leicht aktivierbar“, meint Olena mit spöttischem Unterton. „Aber wenn sie die Mütter nicht daran hindern, zu uns zu kommen, ist das fürs Erste mehr als genug.“ Galina hat sich mit der inaktiven Rolle ihres Partners abgefunden. „Einerseits bezeichnet mein Mann Homosexualität als einen Scherz der Natur,“ erzählt sie, „andererseits unterstützt er unseren Sohn und seinen Partner, der aus dem Donbass kommt und mit der Behördenbürokratie in Kiew Schwierigkeiten hat.“ Olena hat sich von ihrem Ehemann getrennt. „Ich war seine Unfähigkeit, Bogdan zu akzeptieren, leid, da war die Trennung für uns beide die beste Lösung. Heute ist auch er einen Schritt weiter und hat ein gutes Verhältnis zu unserem Sohn.“ Einer der wenig aktiven Männer bei Tergo ist Bogdans Großvater. Er lebt am Land und kommt nur selten zu den Treffen nach Kiew – aber im Herzen ist er ein begeisterter Mitstreiter. Und was wäre schon vielversprechender für die Zukunft einer Gesellschaft als Großväter, die für die LGBTQ-Rechte ihrer Enkel kämpfen? Dabei war das Outing seines Enkelsohns durchaus ein bisschen holprig. „Es war zu der Zeit, als Bogdan mit den Fernsehauftritten begann.“, erzählt Olena. Bogdan Globa sprach sich darin für die Öffnung der ukrainischen Gesellschaft aus: Er wüsste, sagte er, was es heißt, im eigenen sozialen Umfeld beleidigt und zurückgewiesen zu werden. Homophobie aber habe in einer demokratischen Gesellschaft keinen Platz. Und um die Zurschaustellung demokratischer Werte ist die Ukraine, die ihre Hände nach der Europäischen Union ausstreckt, peinlich bemüht.

Nach einem von Bogdans Fernsehauftritten traf sein Großvater im Dorfladen Bekannte, die dort Domino spielten und gemeinsam fernschauten. „Weißt du, dass dein Enkel der berühmteste Schwule in der ganzen Ukraine ist?“, fragten sie ihn. Seine Überrumpelung überspielte er gekonnt. „Dann hat er mich angerufen und gefragt, wieso ich ihm das verheimlicht habe. Er sei doch stolz auf Bogdan.“ Olena muss in Erinnerung an dieses seltsame Vater-Tochter-Gespräch lachen: „Ob er nun wirklich aufs Schwulsein stolz war oder eher aufs Berühmtsein, das hab ich ihn nicht gefragt.“

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