Ist das gefälscht oder kann das weg?

Das Fälschermuseum

erschienen in: Eine kleine Augustin-Museologie. Augustin, Oktober 2015

Selbst Fälschungen sind manchmal gar nicht echt. Diese Erfahrung musste der Augustin einst machen, als die Mär von der gefälschten Zeitung durch die Köpfe einiger Polizeibeamter geisterte. Diane Grobe weiß, wovon wir sprechen; sie leitet das Fälschermuseum in Wien Landstraße. Lisa Bolyos hat sie in der Löwengasse besucht und war sich am Ende auch nicht mehr ganz sicher, was echt ist und was nicht und wieso man das überhaupt so genau wissen will.

Eigentlich war der dritte Bezirk einmal für seine Kinos berühmt. Das Beatrix-Kino, das Bürgerkino, das Capitol Tonkino, das Eos Kino, das Erdberger Ton-Kino, das Fasan-Kino, der Weltbiograf, die Welt im Film, sie alle sind nicht mehr. Auch am Radetzkyplatz, wo die allzeit unbegradigte Löwenstraße sich in die Kurve legt, gab es ein Kino (namentlich das Radetzky-Kino), ein paar Häuserblocks weiter muss sich das Löwen-Kino, architektonisch nicht als solches verkennbar, heute einen Supermarkt in seinem Erdgeschoss gefallen lassen: 1922 entworfen von Alfred Mautner und Johann Rothmüller, ist die Fassade eindeutig Lichtspielbühne und könnte auf jedwedem räudigen Broadway der Welt stehen, mit ihrer nach oben hin zu schmalen Elementen sich verjüngenden Front, einem großen Fensterelement im Obergeschoss, bortenumrankt, gekrönt von einem Löwen, der zwischen zwei Theatermasken nach links abzugehen scheint. «Im Winter gingen wir hie und da ins Löwen-Kino oder rodeln oder schwimmen ins Dianabad.», schreibt der die Nazizeit überlebende Peter Waldmann in seinen Memoiren.

Das leuchtende «Billa»-Schild macht jeder Nostalgie ein Ende. Schräg gegenüber, im Haus Nummer 28, befindet sich das Fälschermuseum, angesiedelt in enger Nachbarschaft zu Kunst- und Hundertwasserhaus. Als Durchschnittswienerin möchte man nicht meinen, wie viel Gewusel hier tagsüber ist, aber die Durchschnittstouristin hat schließlich nicht über einem hundertwasserverzierten Lateinwörterbuch geschwitzt, fährt nicht täglich am glänzenden Hundertwasserkapperl der Fernwärme vorbei, sprich, ist nicht hundertwassergeschädigt, sondern noch fasziniert, und darum in großen Mengen zwischen Löwengasse und Donaukanal anzutreffen. Das Geschäft läuft also gut.

Eine gute Fälschung ist wie ein guter Krimi

Eine Betriebswirtin und ein Architekt sitzen hinter der Budl im Eingangsbereich. Zehn Jahre ist es mittlerweile her, dass Diane Grobe und Christian Rastner ihr eigenes Fälschermuseum eröffnet haben. Sie waren schlicht interessiert an der Präzision: Was ist eine Fälschung, was eine Stilfälschung, was eine Kopie? Angefangen haben sie mit einer kleinen Zusammenschau echter Fälschungen – heute ist die Sammlung auf achtzig Stück angestiegen. «Gute Fälschungen zu finden, ist schwierig», sagt Diane Grobe. Gut, das heißt, mit einer guten Geschichte, wohlrecherchiert und so weit wie möglich abgesichert. Meist kommen die Objekte von Privatpersonen, die selbst beim Kauf darauf reingefallen sind. Die aktuellsten Ankäufe sind ein Bild des berühmten niederländischen Kunstfälschers Geert Jan Jansen und eine gefälschte Vorskizze zu einem Ölbild von Rode, «eine klassische DDR-Fälschung», wie Grobe sagt. Es sei eine gängige Verkaufspraxis gewesen, Malereien aus der DDR in den Westen zu bringen und sie, gespickt mit der Storyline verarmender Ostdeutscher, die nun ihre Kunstsammlungen auflösen müssten, auf den Markt zu schmeißen.

Die Story hinter dem Bild ist für Diane Grobe Kernstück der ganzen Sammlerei: «Wir sammeln mehr Geschichten als Bilder», die Biographien der Fälscher_innen seien der eigentliche Clou, das Museum, so Grobe, «ist mehr Kriminal- als Kunstmuseum». In «Spurensicherung», seiner Ode an Kunstfälschungen und die, die sie erkennen, schreibt der italienische Historiker Carlo Ginzburg: «Der Kunstsachverständige ist dem Detektiv vergleichbar: Er entdeckt den Täter (der am Bild schuldig ist) mittels Indizien, die dem Außenstehenden unsichtbar bleiben.» Die Fälschung, meint er, erkennt man nicht daran, dass der Fälscher oder die Fälscherin bedeutsame Details falsch gemacht hat – sondern im Unwichtigen, Nebensächlichen, für das Original scheinbar Uncharakteristischen. Die Methoden dessen, der Kunstfälschungen aufdeckt, seien letztlich dieselben, die Sherlock Holmes anwendet, wenn er eine Mörderin sucht. Und tatsächlich überkommen eine romantische Krimigefühle angesichts der unglaublichen Mühen, die die Nachmalenden auf sich nehmen, um am Kunstmarkt mitzuschneiden, und um den Kriminolog_innen zu entkommen, die sich ihnen sogleich an die Fersen heften. Helene und Wolfgang Beltracchi ist man geneigt, zu einer Art großbürgerlicher Bonnie & Clyde zu stilisieren, und wer Edgar Mrugalla nicht liebt, hat kein Herz. Ihr glitzernder Charme speist sich nicht aus der Tatsache, dass sie viel Geld mit Verbotenem verdienen – wir lieben sie, weil sie sich über den Kunstmarkt lustig machen, sie narren den Glauben an den völlig überzogenen Mehrwert von etwas, das offensichtlich nicht einmal Expert_innen erkennen können.

Kollwitz, Kujau, Backstreet Boys

Im Untergeschoss der Löwengasse 28 hängen, spärlich beleuchtet, die corpora delicti. Da ist eine Mrugalla’sche Stilfälschung nach Käthe Kollwitz, eine Meisterkopie der «Malkunst» von Vermeer, eine Reminiszenz an die während der «Aktion Bernhard» in KZ-Zwangsarbeit gefertigten Geldfälschungen, eine David Stein’sche Stilfälschung von Edgar Degas, eine Eulenskizze, die Picasso angeblich in Planung seiner Eulenskulptur gemalt hat. Picasso hat die Chose übrigens sportlich, weil als Arbeitsteilung, betrachtet. «Wenn es gut gefälschte Bilder sind … wie herrlich wäre das», wird er zitiert, «ich würde mich hinsetzen und die Bilder signieren.» Und als ein Mrugalla im Louvre enttarnt wurde, soll eine Kuratorin das mit dem Ausdruck tiefster Bewunderung kommentiert haben: «Der Mann hat Goldhände».

Ganze 62 Hitler-Tagebücher schrieb und verkaufte Kujau seinem besten Kunden

Einer der Unvergesslichen des ausgehenden 20. Jahrhunderts war Konrad Kujau. Dass einer mit Hitler-Devotionalien handelt, muss man nicht nachahmen wollen, aber man kommt nicht umhin, seinen Unternehmergeist betörend zu finden: Kujau, die Geschichte ist bekannt, bot dem «Stern»-Journalisten Gerd Heidemann für neuneinhalb Millionen Deutsche Mark die bei einem Flugzeugabsturz verstreuten Tagebücher Adolf Hitlers an. Der «Stern» schlug zu und kriegte sich gar nicht mehr ein, ganze zweiundsechzig Tagebücher schrieb und verkaufte Kujau seinem besten Kunden. Sichtlich enttäuscht wanderte man kollektiv ins Gefängnis. Aber während Heidemann vom «Stern» entlassen wurde, war Kujaus Karriere kein Abbruch getan – er verdingte sich nunmehr als Maler, der in seiner Galerie «Original Kujau-Fälschungen» verkaufte. Eine davon – Klimts «Danaë» – hängt, mit Fälschungs-Echtheits-Zertifikat ausgestattet, in den Räumen des Fälschermuseums.

Warum ist es eigentlich so wichtig zu wissen, ob man eine Fälschung hat oder ein Original? Diane Grobe meint, leicht schulterzuckend: «Man will halt etwas Unikates haben.» Und wenn es nur das Unikat eines echten, anerkannten Fälschers ist.

Die Autorin dieser Zeilen hat sich übrigens nur ein einziges Mal an einer kommerziellen Fälschung beteiligt: Als in den frühen Neunzigerjahren der Backstreet Boys-Hype ausgebrochen war, stiegen mein Schulfreund W. und ich ins Geschäft ein. Wir entwendeten vor der lokalen Trafik eine überdimensionierte Zeitschriftenwerbung mit den Konterfeis der Bubenband, ließen mit schwarzem Marker fünf imaginäre Signaturen entstehen und verkauften sie kaltblütig an die bestbietende Unterstufenschülerin. Vom Erlös haben wir uns meiner Erinnerung nach zwei Käsesemmeln gekauft. Liebe Käuferin! Bitte bringe dieses Unikat in die Löwengasse. W. und ich werden uns den Rückkaufpreis teilen.

Fälschermuseum

Löwengasse 28, 1030 Wien

http://www.faelschermuseum.at

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