Addis Abebas uferlose Stadtentwicklung

Erschienen in: dérive. Zeitschrift für Stadtforschung, 67/2017

Bis zum Kreisverkehr von Olympia ist die Gabon Road eine einzige Baustelle. »Wenn ich Euch dort hinbringen soll, mach ich mir das Auto kaputt,« sagt der Taxifahrer, »also hört auf, den Preis zu verhandeln«. Meskel Flower Area heißt das Viertel, in dem wir wohnen, und es gilt, sich Orientierungspunkte zu merken – eine Klinik, eine Bäckerei, ein Hotel. In Addis Abeba ist es unüblich, Straßen beim Namen zu nennen. Diese Orientierungspunkte, die Landmarks, entlang derer man die Stadt durchstreift, gehen mit der Stadterneuerung nach und nach verloren, sagt Konjit Seyoum. »Das schmerzt. Du vermisst den gewohnten Geruch von gemahlenem Kaffee und Gewürzen, der dir an einer Straßenecke zur Orientierung gedient hat, die Geräusche, wenn das Brot geknetet wird, und genauso vermisst du das menschliche Miteinander. Wenn ein Stadtteil zerstört wird, geht das ganze soziale Gefüge in Brüche.« Konjit Seyoum betreibt unweit der ALE-Kunstuniversität die Asni Art Gallery. Sie ist in der Stadt aufgewachsen, ist bildende Künstlerin, Köchin und Konferenzdolmetscherin für Englisch, Amharisch und Kroatisch. In der Galerie, deren direkte Nachbarschaft zur Friedrich-Ebert-Stiftung auch am Publikum sichtbar wird, ist Ausstellungspause; an den Wänden hängen Bilder aus der hauseigenen Sammlung zeitgenössischer Kunst. Da sind Architektur-Skizzen Aquarelle von Häusern aus dem 19. Jahrhundert, die es in der Stadt längst nicht mehr gibt; die Seitengassen informeller Wohnsiedlungen in graustufigem Acryl auf Karton; eng aufeinander gestapelter Geschosswohnungsbau auf gerahmter Leinwand. Die Frage, wohin sich die Stadt entwickelt, scheint seit Jahrzehnten Thema zu sein.

Eine Stadt hat sich verdreifacht

»Alles hat sich verändert.«, sagt Bisrat Kifle knapp. Auch er ist in Addis Abeba aufgewachsen, hat als Kind, das noch zu Fuß zur Schule ging, die Ausweitung des öffentlichen Verkehrs miterlebt, und vor allem das rasante Wachstum der Stadt: »Sowohl auf die Einwohnerzahl, als auch auf die Fläche bezogen hat sich die Stadt im Leben einer einzigen Generation mehr als verdreifacht. Es ist eine unglaubliche Erfahrung, so etwas beobachten zu können.« Fährt man für eine Weile weg, sei Addis danach kaum wiederzuerkennen, meint er. »Die Stadt verändert sich schon lange in rasantem Tempo. Aber was in den letzten zehn Jahren passiert ist, gleicht einem Wunder. Und mit einem Wunder meine ich nicht notwendiger Weise etwas Positives.«

Bisrat Kifle ist Architekt. Sein Büro liegt im Stadtteil Bole, nahe dem riesigen Einkaufszentrum Edna Mall. Bole, wo sich auch der Flughafen befindet, klebt an Addis ein wenig wie Schwechat an Wien, am nordöstlichen Rand der Stadt. Anders als Schwechat ist Bole aber Boomtown. Häuser und Menschen sind gleichermaßen herausgeputzt, bewaffnetes Personal – Securities, Polizistinnen, Soldaten – sind viel sichtbarer als in der Innenstadt, die wenigen Bettler und Bettlerinnen heben sich hier deutlich von der Masse der Durchschnittsbevölkerung ab. Nur ansatzweise ist in Bole noch sichtbar, was das restliche Stadtbild prägt: ein Nebeneinander von informellen Wohnsiedlungen, alter Bausubstanz und aus dem Boden gestampften Neubauten. Wie in der gesamten Stadt wird auch hier an jeder Straßenecke gebaut. Die Holzgerüste ragen wie von Zauberhand errichtet dutzende Stockwerke in den Himmel, zusammengebaut von den Zigtausenden, die auf der Suche nach Lohnarbeit aus den ländlichen Gebieten in die Hauptstadt kommen. »Die Situation sieht in etwa so aus: Die Regierung investiert massiv in den Bausektor, um Wohnraum für die Stadtbewohner zu schaffen. Dadurch entsteht wiederum ein unüberschaubar großer Arbeitsmarkt am Bau, der neue Menschen aus dem ganzen Land anzieht. Es wird gern vergessen, dass die nun aber auch Einwohner und Einwohnerinnen der Stadt sind und, egal wie knapp der Wohnraum sein mag, Wohnungen brauchen. Auf diese Wohnungen wird in der Stadtplanung ›vergessen‹. Wir können aber nicht einfach Leute rufen, weil wir ihre Arbeitskraft brauchen, und danach sagen, danke, jetzt könnt ihr wieder nach Hause gehen, wir haben keinen Platz für euch.« Von gewerkschaftlicher Organisierung am Bau weiß Bisrat Kifle nichts. Die Mobilität der Arbeitskräfte – Tagelöhnerei ist gang und gäbe, auch hier im Architekturbüro habe man für Renovierungsarbeiten kürzlich »für ein paar Tage Leute beschäftigt, die auf Arbeitssuche waren« – stehe dem zusätzlich im Weg. Die Stadtverwaltung habe, so Kifle, in den vergangenen Jahren strengere Regelungen zur Sicherheit am Arbeitsplatz eingeführt, das sei noch keine Garantie, aber habe doch deutliche Verbesserungen eingebracht. Tatsächlich fallen bei genauerem Hinsehen die gelben Helme auf den Köpfen vieler Bauarbeiter auf, die in unglaublichen Höhen über die Gerüste balancieren.

Von der Hauptstadt aus das ganze Land planen

Äthiopien verfolgt einen mammutartigen Entwicklungsplan. Dieses Land, dessen Bevölkerung zu drei Viertel in der Landwirtschaft tätig ist, will sich zur Industrienation hocharbeiten. Dazu gehört zum Beispiel der geplante Bau von achttausend Kleinstädten »from scratch«, an dem Architekturbüros sich gerade die Finger wundzeichnen. Eine absurde Idee, findet Bisrat Kifle: »Man sitzt nicht in der Hauptstadt herum und plant irgendwo in diesem riesigen Land eine neue Kleinstadt. Pläne müssen vor Ort entstehen, in exakt dem Kontext, für den sie da sind. Die Menschen, die in der Stadt leben sollen, müssen mitreden können.« achttausend Kleinstädte zu planen findet er ohnehin unvorstellbar: »Ich kann mir ja noch nicht einmal vorstellen, achttausend Häuser zu planen.«

Für einige Jahre hat Bisrat Kifle selbst in der Stadtplanungsabteilung von Addis Abeba gearbeitet. Was ihm nicht gefallen hat, war die fehlende Partizipation. »Es genügt nicht, wenn ein paar Architekten und Architektinnen sich die Mitsprache in der Stadtentwicklung sichern. Die Bewohner selber müssen zu Wort kommen.« Aber Partizipation sei der Regierung ein Fremdwort. »Partizipation heißt, auf Augenhöhe zu verhandeln. Mein und dein Wort zählen gleichermaßen und wir einigen uns auf die beste Idee. Wenn ich dich nur einlade, um dir zu sagen, was meine Pläne sind, und du darfst ihnen zustimmen – das ist nicht Partizipation.«

Der Entwicklungsplan für die Hauptstadt war es auch, der die Protestbewegungen der letzten Jahre in der Region Oromia auslöste, die Addis Abeba umschließt. Im Jahr 2014 sah der Master Plan eine Erweiterung von Addis Abeba – oder Finfinne, wie es in der Sprache der Oromo heißt – vor, die weit in die Region Oromia hineinreichte. Ob das zentrale Motiv wirklich Wohnungsnot war oder eher der unbürokratische Zugang zu wertvollem Bauland durch Landgrabbing – Bauern und Studentinnen aus der Region wollten jedenfalls nichts davon wissen. Die Proteste, die im April 2014 losgetreten wurden, weiteten sich bis Sommer 2016 auf mehrere Regionen des Landes aus. Das Stadterweiterungsprogramm war nur der sprichwörtliche Tropfen, der das Fass der Unzufriedenheiten zum Überlaufen brachte. Die Protestierenden richteten sich gegen ganz generelle Demokratiedefizite: die fehlende Repräsentation großer ethnischer Gruppen in den Zentren der politischen Macht, die Verhinderung jeder oppositionellen Politik und die anwachsende Repression gegen die äthiopische Bevölkerung. Als wollte sie den undemokratischen Umgang mit ihrer Autorität noch einmal unter Beweis stellen, antwortete die Regierung mit Waffengewalt. Von mindestens 500 Menschen ist die Rede, die dabei erschossen wurden. Immerhin: Der Master Plan wurde zurückgenommen, die Stadtgrenze bleibt bis auf weiteres bestehen.

»Die Regierung mag wirklich niemand.«, sagt Feysel Tsegaye*, ein junger Museumsguide, den wir an einem heißen Novembersonntag in einem städtisches Museum kennenlernen. Bei den Protesten hat er seinen besten Freund verloren. »Sie sagen Demokratie, aber das ist nur ein Wort, dem keine Praxis folgt. Es ist ganz einfach: Sie regieren mit der Waffe, also sind sie die Stärkeren.« Feysel Tsegaye ist Oromo – auch wenn die Zugehörigkeit zu einer Volksgruppe die längste Zeit unbedeutend für ihn war. Die Geschichte der Ethnisierung ist in Äthiopien noch jung. Sie erinnert ein bisschen an Jugoslawien. Bis 1991 war Äthiopien ein zentralistisch geführtes Land und wurde erst nach dem Ende der Regierung Mengistu föderalisiert. Die neue Verfassung sollte den Bundesstaaten und den darin lebenden ethnischen Gruppen die politische Mitsprache sichern. Doch »statt die Macht vom Zentrum in die Peripherien abzugeben, brachte die Reform neue Probleme«, meint Beyene Tesema*, der seit den 1990ern in Addis lebt und an der ALE unterrichtet: Äthiopien wird nicht von der Pluralität seiner Ethnien, sondern von einer kleinen Elite der Tigray regiert. Die zwanghafte Einteilung in Volksgruppen wiederum führt dazu, dass politische Konflikte entlang ethnischer Trennlinien ausgefochten werden. »Früher wusste man gar nicht, wer in einem Freundeskreis aus welcher Volksgruppe kommt«, sagt auch die Künstlerin und Kuratorin Yordi Berhanu*. »Aber jetzt wird das in die Studentenausweise geschrieben. Die Leute fangen an, sich entlang ethnischer Zugehörigkeit zu organisieren, anstatt anhand der Fragen, die sie wirklich beschäftigen. Und damit ist das Ziel auch schon erreicht: Die Regierung will nicht, dass wir gemeinsam die Stimme erheben.«

Seit Oktober gilt in Äthiopien der Ausnahmezustand. Damit schafft sich die Regierung ein weites Feld legaler Repression. Organisierung wird erschwert oder verhindert. Monatelang haben Social Media nicht funktioniert, der Kontakt zur politisch aktiven Diaspora wird mit einer novellierten Antiterrorgesetzgebung unterbunden, von mehr als 11.600 Inhaftierten spricht die Regierung, die seit dem 9. Oktober für Mord und Terror, Regierungsbeleidigung und Flaggenverbrennung im Gefängnis sitzen; darunter eine beträchtliche Anzahl von Journalistinnen, Bloggern und Intellektuellen. Die Brutalität, mit der die Regierung die Proteste niederschlagen ließ, wurde zwar sowohl von den USA als auch von der EU kritisiert, Handlungen folgen den verbalen Interventionen aber keine. Zu sehr ist der Westen mit seinen Exportinteressen und seinem ausgelagerten Migrationsmanagement vom stabilisierenden Faktor Äthiopien abhängig. Absurd, wenn man bedenkt, wie viele neue Fluchtgründe das Regime gerade produziert.

Was wir entwickeln müssen, ist unser Horizont

Eine Entwicklungsdiktatur wird Äthiopien genannt, ein autoritäres Entwicklungsregime. »Damit schießt sich die Regierung selbst ins Knie«, sagt Beyene Tesema. »Ohne das notwendige Maß an Demokratisierung kann Entwicklung gar nicht gelingen.« »Natürlich brauchen wir Entwicklung«, meint auch Koki Anbesse*, die letztes Jahr an der Kunstuniversität in Addis graduiert hat und sich jetzt für einen Studienplatz in Wien bewirbt. »Aber es sind nicht die Straßen, die Häuser und die Städte, die wachsen müssen, sondern unser Horizont.« So wie sie versuchen unzählige Menschen, das Land zu verlassen. »Das deutet darauf hin, dass der Wohlstand und die Entwicklung, von denen hier ständig die Rede ist, nicht so wirklich bei den Leuten ankommen.«, kommentiert Tesema.

»Alle sind hier mit dem Überleben beschäftigt.«, sagt Yodi Berhanu auf die Frage nach ihren Perspektiven. »Die Ressourcen, nachzudenken, dir eine Zukunft auszumalen, kreativ zu sein, die gibt es hier nicht. Die Leute, die dieses Land einmal geliebt haben, geben auf. Und wenn du dich mit ihnen zusammentust, um darüber zu reden, dann stellt dir die Regierung nach. Vielleicht verhaften sie dich. Vielleicht machen sie dir das Leben aber auch nur so unbequem, dass du die Stadt so schnell wie möglich verlassen möchtest.« Auch Yodi Berhanu denkt mittelfristig daran, aus Addis wegzuziehen.

Unsere Gespräche finden in einem kleine Restaurant im Stadtteil Arat Kilo statt. Unweit der ALE hat Mimi Workalemahu* im vorderen Teil ihres Wohnhauses einen Raum von etwa eineinhalb mal vier Metern geschaffen, in dem Kaffee und Injera serviert wird, und wo Kunststudentinnen, Nachbarn, Geschäftsleute und Bauarbeiter sich tagtäglich einfinden, zu Abend essen, tratschen und wieder weiterziehen. Apropos Bauarbeiter: In Arat Kilo kann man der Stadtentwicklung mit freiem Auge zusehen. Jeden Tag, wenn wir wieder zu Mimi Workalemahu gehen, scheint ein neues Stück Straße aufgerissen, ein Kanal verlegt, ein Betonring gegossen. Überall sind die roten Baustellen-LKWs am Werk, die von der Stadtbevölkerung aufgrund der hohen Unfallrate, die sie verursachen, zynisch »Roter Terror« genannt werden – nach der politischen Kampagne des damaligen Staatsoberhaupts Mengistu Haile Mariam, der in den Jahren 1977/78 mehrere hunderttausend Äthiopier_innen zum Opfer fielen. Mimi Workalemahu sieht das Ende ihrer kleinen Gaststätte kommen. »Ein Jahr« war die Antwort der Behörden auf ihre Frage, wie lange die Straße in dieser Form noch existieren würde. Dann soll auch ihr Haus neuen Bauprojekten weichen. Für den Grund, auf dem es steht, hat sie keine Eigentumsrechte.

Von Protesten hört man kaum. Das ist angesichts der drakonischen Strafen, die drohen, wenn man sich gegen die Pläne der Regierung wendet, nicht weiter überraschend. Bisrat Kifle erzählt von einem der wenigen Beispiele von Widerstand gegen eine Räumung. »Diesmal betraf es eine Siedlung in Hana Mariam, im Südosten der Stadt. Die Leute hatten dort jahrzehntelang gewohnt, natürlich ohne ein verbrieftes Recht auf das Land. Es ist hier generell so, dass das Land der Regierung gehört, und wenn du geräumt wirst, steht dir nur eine Ausgleichszahlung für dein Haus zu. Sieht man sich an, woraus viele Häuser gebaut sind, kann man die Höhe dieser Zahlungen leicht ermessen.« Nach Hana Mariam kamen also eines Junitages die Behörden, um die Räumung zu verkünden. Doch die Menschen, die dort wohnten, standen dagegen auf. »Es gab Tote auf beiden Seiten, es war furchtbar für uns, in dieser Stadt zu leben, wissend, dass so mit den Menschen umgegangen wird.«

Die Qualitäten des Informellen

Die gezielte Entwicklung der Stadt bringt – nicht ganz zufällig – auch eine soziale Umschichtung, eine Verdrängung aus den Zentren an die Peripherie mit sich. In Addis Abeba sind die Klassen nicht in konzentrischen Kreisen um ein bourgeoises Zentrum angeordnet. Neben Fünfsternhotels stehen einfache Ziegelbauten, hinter dem Campus der Universität beginnt eine Hüttensiedlung, durch die sich enge Gassen winden.

»Man nimmt oft an, dass das Informelle keinen Mehrwert hat. Dabei übersieht man aber die vielschichtige Raumnutzung und die sozioökonomischen Strukturen, die den formalen Bauprojekten völlig abgehen.«, kommentiert Bisrat Kifle die Entwicklungslogik der Stadtverwaltung. Gemeinsam mit seinem Schweizer Kollegen Felix Heisel hat Kifle eine Reihe von dokumentarischen Videos erstellti, mit denen er seinen Student_innen die Potenziale auseinandersetzen will, die bottom-up-gestalteter Wohnraum birgt: sei es in den informellen Siedlungen der Innenstädte, der Architektur ländlicher Gebiete, dem Aufbau von Wohneinheiten auf besetztem Land oder in der Logik der Mikroökonomien der Straße. In ihrem Buch Lessons of Informalityii bestehen Kifle und Heisel darauf, dass der Fokus im stadtplanerischen Umgang mit der Improvisation der Armen nicht auf der Abwesenheit des Formalen, des Regulierten, sondern auf den Qualitäten des Informellen liegen muss. »Wir müssen der Architektenschaft der kommenden Generation beibringen, dass auch die Wohnformen der Armen sich an Bedürfnissen, an Ökonomie, an sozialem Gefüge orientieren – nicht nur an Zufall und Mangel. Und dass diese Aspekte verloren gehen, wenn wir glauben, nur das Neue, Geregelte hat seine Berechtigung.«, sagt Bisrat Kifle.

Die Vertreibung der Armen aus den Zentren geht einher mit einem riesigen Bauprojekt an den Rändern der Stadt: Wohin man blickt, schießen Block für Block Eigentumswohnungen empor. »Zu Beginn des ›Grand Housing Programmes‹ im Jahr 2004 wurde der Wohnbedarf in der Stadt eruiert und mit 200.000 Wohneinheiten beziffert.«, erzählt Kifle, »Also würde man denken, nachdem die ein Jahrzehnt später tatsächlich gebaut waren, sollte das Wohnproblem zu einem großen Teil gelöst sein. Aber 2014 wurde wieder zur Registrierung aufgerufen, und was meinst du, wie viele Leute Wohnbedarf angemeldet haben? 900.000. Und noch einmal zehn Jahre später? Das kann man sich jetzt schon ausrechnen.« Die 200.000 Wohneinheiten, so versprach das Grand Housing Programme, sollten zu einem Großteil im Stadtzentrum gebaut werden. Tatsächlich stehen sie jedoch zu drei Viertel im Stadterweiterungsgebiet. In diese infrastrukturlosen Stadtrandsiedlungen sollen jene ziehen, die vorher in selbstgebauten Häusern und Hütten lebten, oft ohne fließend Wasser und mit unzureichender Kanalisation, aber in seit Jahrzehnten gewachsenen Nachbarschaften, in der unmittelbaren Nähe von Schulen, Krankenhäusern und ausgestattet mit Möglichkeiten, in den Straßen der Innenstadt Wirtschaft zu betrieben. »Dass die Häuser in den Slums wegmüssen, ok. Aber die Menschen? Damit bin ich nicht einverstanden.« Abraham Workeneh lehrt am Universitätsinstitut für Architektur und Stadtentwicklung. Im Dokumentarvideo von Kifle und Heisel steht er in einem der Neubauten, in denen die Bewohner mühsam versuchen, ihre Ökonomie im Innenhof wieder aufzubauen. Man müsste dort neu bauen, sagt Workeneh, wo die Menschen schon wohnen. Nicht nur die Communities werden mit dem Abriss ganzer Siedlungen zerstört, sondern auch das Wissen, die Erinnerung, die den Stadtteilen eingeschrieben ist. Ein Bewohner erzählt von ganz profanen Unsinnigkeiten in der Vergabe der neuen Wohnungen: die nämlich folgt der Systemlosigkeit des Lotteriespiels. »Dabei würde man doch annehmen, dass gehbehinderte oder ältere Menschen Wohnungen im Erdgeschoss bekommen. Aber du bekommst die Wohnung, die dir das Los zuschreibt.«

Bis ins Jahr 2020 möchte die Stadtregierung alle informellen Siedlungen abgerissen haben. Aber die an die Stadtränder Vertriebenen ziehen zurück ins Zentrum. Einmal, sagt Kifle, weil viele sich die Eigentumswohnungen gar nicht leisten können. Anstatt die Raten abzubezahlen, vermieten sie ihre Wohneinheiten und gehen wieder in ihre Herkunftsviertel. Wo sie, zweitens, Verdienstmöglichkeiten haben, die die Peripherie der Stadt nicht bietet.

Mulugeta Haregewoin* ist Künstler, er war im vergangenen Jahr zu einer mehrmonatigen Residency an der Akademie der Bildenden Künste in Wien. In einem Projekt, das er über Jahre verfolgte, begleitete er fotografisch zwei Mädchen, die in einer informellen Siedlung in Addis lebten, zur Schule gingen und als Straßenverkäuferinnen arbeiteten. »Ihre Familien sind x Mal vertrieben worden. Aber immer wieder kehren sie zurück, weil diese Siedlung ihr Zuhause ist. Und wenn die Bulldozer alle Häuser zerstört haben, werden sie doch irgendwo noch Material finden, um sich daraus eine Unterkunft zu bauen.« Im Modern Art Museum in Sidist Kilo auf einer Anhöhe über dem Stadtzentrum hat Haregowin mit anderen Künstler_innen die Untiefen der Stadtplanung in einer sogenannten »Wachs und Gold«-Ausstellung zum Thema gemacht. Aller Repression zum Trotz. »Die Kunst bleibt ohnehin in ihrer eigenen Blase. Ich erinnere mich an ein einziges Mal, dass jemand von der Stadtverwaltung zu einer unserer Veranstaltungen kam, auf der Wissenschaftler und Künstlerinnen die Stadtentwicklung diskutierten. Er war beleidigt.«

»Wachs und Gold« wird in Äthiopien die subtile Form genannt, Kritik gut zu verpacken. Auf diesem Weg, da sind sich Mulugeta Haregewoin, Yordi Berhanu und Konjit Seyoum einig, kann die Kunst sich ihre Redefreiheit bewahren. »Es geht um die vielen Ebenen, auf denen du deiner Kritik Ausdruck verleihen kannst«, sagt Seyoum. »Wenn du geschickt mit der Doppeldeutigkeit umgehst, kannst du nicht zur Rechenschaft gezogen werden.« Kunsträume, Galerien und Orte des künstlerischen Aktivismus entstehen am laufenden Band. Spannend bleibt, ob aus ihnen nicht nur kleine Blasen der wohligen Übereinkunft, sondern Eckpfeiler einer Demokratisierungsbewegung werden.

* Namen geändert

i Auf der Website spacesmovie.com sind alle sechs Folgen abrufbar: »Disappearing Spaces – a day in Addis Ababa’s informal city«, »Emerging Spaces – a day in Addis Ababa’s condominiums«, »Originating Spaces – a day in rural Ethiopia«, »Supporting Spaces – a day on Addis Ababa’s streets«, »Recycling Spaces – a day in Addis Ababa’s merkato«, »Materializing Spaces – a day in Addis Ababa’s periphery«

ii Heisel, Felix / Kifle Woldeyessus, Bisrat (Hg), 2016: Lessons of Informality. Architecture and Urban Planning for Emerging Territories. Concepts from Ethiopia. Birkhäuser, Basel

 

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